Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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Dilettantismen. Der Dilettant schlechtweg ist eine
gute und sympathische Menschenerscheinung. Wie
aber, wenn der Halbkünstler sich das Ansehen
und Aussehen eines ganzen zu geben versteht, wenn
die Skrupellosigkeit mit dem Schein von zehn, ja
hundert peinlichen Skrupeln, Fragen und Gedanken
aufzutreten weiss, wenn die absolute Nichtigkeit
sich unendlich wichtig gebärdet? In Gegenden, wo
diese Art Leute auftreten, ist die gute gesunde Luft
dick, dumpf und giftig, das Leben verpfuscht, die
Natur um und um verdorben. Meist haben gerade
diese „Meister" in der Welt angenehmen Lrfolg,
sie erhalten Aufträge in Masse, und nicht selten
macht man sie zu Professoren, oder man hängt
ihnen eine glitzernde, höHsche Auszeichnung an den
Rockaufschlag, womit die also Dekorierten sich für
alle Zeiten gegen alle missbilligenden Angriffe ge-
schützt glauben. Die gefährlichsten und unerfreu-
lichsten Dilettanten sind indessen ganz wo anders
zu suchen. Es sind dies Revolutionäre, solche, die
in der Kunst Revolutionen zu inszenieren vorgeben,
Dilettanten der äussersten Linken, Glücksspieler,
die mit kühnen Handgriffen die Spitze des zeit-
genössischen Geschmackes aus dem Himmel der
Kunst herabreissen, um zu zerfetzen, was sie mit
den Fingern erwischt haben. Angeblich kühne und
schwungvolle Naturen, mengen sie sich in Alles,
was von der Öffentlichkeit und Obrigkeit gehasst
und verfolgt wird, indem sie sich in aller Biergemüt-
lichkeit das Aussehen von armen Verfolgten, Be-
drückten und Gegeisselten geben, um stolz darüber
zu sein. Die-Kunst liegt ihnen so wenig am Herzen
wie das Land Spanien. Sie lügen, und gerade die
Lüge ist die einzige, wirklich verabscheuenswerte
Dilettanterie. Ein solcher kühner Dilettant malt
oder beschreibt mit schlauer Vorliebe das Verpöhnte,
das grob Sinnliche, das Nackte und meint, da er
einen gefährlichen Standort wählt, auch ein gefahr-
drohender Neuerer zu sein. Schon dass er über-

haupt neuern will, das verurteilt ihn zur Unkunst.
In der Kunst giebt es nie etwas zu erneuern, nur
neu zu erfassen, nie etwas zu reinigen, nur selber
reinlich zu sein, nie neue Werte zu schaffen, nur
selber zu versuchen wertvoll zu sein. Dilettanten
aber sind gerade mit grösster Vorliebe Neuerer,
Reiniger und Wert-Umstürzer, während es doch in
der breiten und weiten Welt durch sie nie etwas
wird zu verbessern geben. Nur die Leidenschaft,
der Sturm der Empfindung, das persönliche, harte
Geschick des aufrichtigen Mannes kann am Ende
einer merkwürdigen Laufbahn der Welt etwas noch
nie Dagewesenes aufzwingen, das aber macht sich
immer ganz von selber. Treu, still und unstürmisch
nach aussen hin ist der echte Künstler.

Aber was macht unsere kleine, liebe „echte"
Dilettantin? Süsses Geschöpf, da stellst du dich,
um die unendliche Natur abzumalen, im Park, unter
einem knospenden Baume auf, sitzend auf dem auf-
klappbaren, zierlichen Malstuhl. Dir unsere Sym-
pathien! Du träumst von deinem Geliebten, während
du so schalkhaft-ernsthaft „künstlerisch thätig" bist.
Du weisst nichts von der Schwere der unternom-
menen Aufgabe und willst auch nichts davon wissen.
Du verfertigst da ein liebes, abgerundetes Bildchen,
es dem Wesen, das du liebst, zum Geburtstag oder
zum Namenstag zu schenken, zur Erinnerung. Dein
Gesicht ist so schön, wenn es zum Himmel hinauf-
schaut. Dein reiches, hellgoldenes Haar schmiegt
sich entzückend an deine offene Stirne. Du lächelst?
Und schon ein wenig schmerzlich? Ei, sieh da:
Gram? Die Natur, in der du sitzest, wölbt und
krümmt sich und dehnt sich und senkt sich auf und
nieder unter Ahnungen und Gefühlen des keimen-
den Frühlings. Male, dichte, träume und musiziere!
Du malst nur, weil du dich danach sehnst, es nie
mehr wieder thun zu müssen. Horch! Wessen
Schritte rascheln da hinter dir im Laub? Du zitterst?
Ist „er" es?

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