Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

Seite: 491
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DIE ARCHITEKTUR AUF DEN AUSSTELLUNGEN
IN DARMSTADT, MÜNCHEN UND WIEN

VON

HERMANN MUTHESIUS



Has Problem, das noch bis vor
wenigen Jahren das kunstge-
werbliche genannt wurde, geht
immer mehr dazu über, zum
e| architektonischen Problem zu
werden. Ein Ausreifen der Be-
wegung konnte nur nach dieser
Richtung hin erwartet werden.
Die Hoffnung, ja der Enthusiasmus, der mit der
Bewegung verknüpft war, liess sich überhaupt nur
aus dem Untcrbewusstsein heraus erklären, dass es
sich um eine architektonische Angelegenheit handle,
und die vielfachen Unklarheiten, die ihr gleichsam
als notwendige Kinderkrankheiten anhingen, er-
gaben sich aus dem Zustande einer Unreife, die um
ihre endgültige Form rang. Heute im Jahre 1908 sind
wir endlich so weit, das Kunstgewerbe als Architek-
tur zu erkennen, nicht nur als Architektur in dem

besonderen Sinne der Raumbildung, sondern auch
als Architektur in jenem allgemeinen Sinne des ge-
samten sichtbaren Gestaltens des Menschen. Wird
diese Auffassung erst die herrschende, so fallt auch
jene Prätension des sogenannten Kunstgewerbes
hinweg, etwas Besonderes zu sein, das sich in Gegen-
satz zu dem gewöhnlichen Gewerbe zu stellen ein
Recht hat. Und die veredelnden und erzieherischen
Tendenzen, die sich bisher in dem Begriffe Kunst-
gewerbe wiederspiegelten, werden selbstverständ-
liche Allgemeinforderung für das gesamte Schaffen
unserer Zeit.

Die drei grösseren Ausstellungen, die sich in
diesem Jahr mit Kunstgewerbe und Architektur be-
schäftigen, geben alle das Fortschreiten der Idee zu
erkennen. Schon äusserlich fällt auf, dass das Wort
„Kunstgewerbe" in keiner dieser Ausstellungen mehr
gebraucht wird, obgleich sie nach früherer Auf-

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