Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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in ihrer Lichtfülle, gebildet gewissermassen mit der
Seele ihrer Farbe; sie scheinen sich vpn der Lein-
wand loszulösen und sich zu beleben - - ich weiss
nicht, welche wunderbare, optische Wirkung sich
zwischen der Leinwand und dem Beschauer ab-
spielt . . .

Und welches Temperament enthüllt er als Er-
zieher, als Zeuge des kleinen, bürgerlichen Lebens.
Welche begabte Hand! Welche Kunststücke der
Palette in seinen Interieurs. Der Maler Chardin
hatte Vorläufer, er hatte keinen Lehrer. Er in-
spirierte sich nicht durch Mieris, Terborch, Gerard
Dou und nicht durch Netscher und Teniers. Von
allen flämischen Meistern nähert er sich, ohne ihn
zu suchen, nur Metsu, seiner flaumigen und zugleich
markigen Art Farben und Tücher zu malen. In
allen Galerien Europas kenne ich nur ein Gemälde,
von dem man Chardins Stil ableiten kann: die
Spitzenklöpplerin im Kabinet Six des Louvres von
dem so verschiedenartigen Van der Meer . . .

Fassen wir zusammen: Meister ersten Ranges
im Stillleben,unterlegen einzig und allein Rembrandt,
der den ausgeweideten Ochsen malte. Chardin hatte

eine schwache Seite, welche ihn unter Metsu ran-
gieren lässt. Er ist unzureichend im Aktzeichnen.
Es wurde ihm sehr häufig schwer, Fleisch zu malen.
Er differenziert nicht genügend die Stofle. Wenn
er ein wenig grosse Figuren malt, während er sich
an die gewöhnlichen Proportionen der Figuren
hält, fühlt man in seiner Arbeit, die Mühe, die
Qual, die Martern ...

Chardins Werk zeigt, wer er war. Man errät
es, man findet ihn in seiner Malerei wieder. Er
erzählt sich selbst, öffnet sein Herz vertraulich in
seinen Kompositionen, seinen Szenen, seiner Alltäg-
lichkeit und der bürgerlichen Moral seiner Kom-
positionen. Seine friedvolle Welt erhellt seine
Innenräume. Die Personen ähneln seiner Familie.
Diese Bescheidenheit, die er darstellt, den ehrlichen
Arbeiter, die geregelten Freuden des Tages, die
ruhige Zufriedenheit — aus seiner Welt strömen
sie aus.

Der gutmütigste Mensch der Welt — das ist
Chardin unter den Malern seiner Zeit. Bescheiden
im Erfolg, wiederholte er häufig, dass die Malerei
eine Insel sei, deren Küsten er gestreift habe."













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J. B. CHARDIN, DIE KÖCHIN

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