Wochenbeilage zum "Pfälzer Boten" — 1890

Page: a
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/pfaelzer_bote_wochenbeilage1890/0199
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
(

cm

„abgebrannt“ bezeichnet. Der Vertheidiger hat dagegen
I3 Schutzzeugen den Kaufmann Mar Grünbanm
laden laſſen. Dieſer gab an, daß er die Uhrſchachteln
für etwa 15 Franes pro Dutzend einſchl. Fracht und
Steuer aus Frankreich beziehe und ſie für 2 Mark
bis 2 Mark 50 wiederverkaufe. — Der Gerichtshof
hielt es für zweifellos, daß das Gehahren des An—
zeklagten auf eine Täuſchung des Publikums bexech⸗
net fei; mit Rückſicht auf ſeine bisherige Unbeſchalten⸗
heit wurde aber nur auf eine Geldſtrafe von 50 Mark
erkannt, während der Staatsanwalt 120 Mark bean—
tragt hatte.

— Modethorheiten früherer Zeiten. Zu
Weihnachten 1464 legte Bernhard von Rohrbach zu
Frankfurt a. M, ein braunes Kleid an, das ſo reich
mit Silber beſtickt war, daß dasſelbe für einen ein—
zigen Aermel allein 111/, Mark wog. Der Brautrock
der Maria von Medici hatte eine Schleppe, die „ſich
auf 15 Ellen erſtreckte und mit eitel güldenen Lilien
befetzt war, darinnen Maria glänzte, wie die Sonne
in den Woͤlken“. Dieſelbe Königin trug bei der Taufe
ihres Sohnes, des nachherigen Königs Ludwigs XIIL.,
einen Rock, der mit 32,000 Perlen und 3008 Dia—
manten beſetzt war. Der Marſchall von Baſſompierre
kaufte ſich fuͤr dieſelbe Feierlichkeit zur Beſetzung ſeines
Kleides einen halben Centner Perlen! Als Königin
Eliſabeth von England den franzöſiſchen Geſandten,
Marſchall Biron in Audienz empfing, trug ſie ein
Kleid, an welchem hundert Perſonen drei Wochen
lang gearbeitet hatten. Unter Heinrich III. herrſchte
eine eigenthümliche Galanterie; junge Herren erſuch—
ten ihre angebeteten Schönen, neue ſeidene Strümpfe,
welche ſie fuͤr ſich gekauft hatten, dadurch einzuweihen,
daß ſie dieſelben einige Tage trugen. Heinxich IV.
führte Masken ein, die auf der Reiſe, ja bei Spazier—
gängen und Beſuchen getragen wurden, um angeblich
die Haut vor den Einflüſſen der Luft, Sonne und
des Regens zu ſchützen. Zur Zeit Ludwig XIV. hat
es Spißenmanchetten gegeben, die faſt eine Elle lang
waren. Bekannt ſind die Rieſenpyramiden von Haaren,
Bändern und Blumen, welche die Damen im vorigen
Jahrhundert auf dem Kopfe trugen. Die wulſtige
Anhäufung — Tournüre genannt — die gegenwärtig
nur ſehr langſam verſchwindet, war ſchon unter
Franz II (16. Jahrhundert) Mode, zur ſelben Zeit,
als die Männer ſich durch große falſche Bäuche ein
gewiſſes Anſehen und eine gewiſſe Würde zu ver—
leihen meinten.

— Ein heiteres Stückchen paſſirte firzlich
dem Schuldner einer Nachbargemeinde von Hirſchhorn.





großer Liebhaber von Antiquitäten hatte er eine große
Anzahl werthvoller Gegenſtände aus den verſchieden⸗
ſten Jahrhunderten zuſammengebracht. In ſeinem
Nachlaſfe befand ſich auch ein Schrank, enthaltend
mehrere Fächer mit „Marterwerkzeugen“ aus den
letzien Jahrhuͤnderten. Das oberſte Fach trug die In—
ſchrift: Moderne Marterwerkzeuge aus dem 19. Jahr⸗
hundert“, und als man dasſelbe öffnete, kamen zum
Vorſchein — Steuerzettel, Zahlungsaufträge, Exe—
kutionsbefehle ꝛc.

Humoriſtiſches.

— Goſenameh Sonderbar, daß Herr Täckeln ſeine
Frau, die doch nicht klein und zierlich und nichts weniger als

zart und ſchüchtern iſt, ſtets „mein Mäuschen“ nennt. — Er
denkt wohl dabei: Du biſt für die Katz'!

Weinquelle entdeckt. — Was nit
pumpt wird!

u, ich habe eine ausgezeichnete

— Gerſtärkte Glaubwürdigkeit) He, moch auf,
Kamerad! — Nicht zu Haufe! — O, ich kenne Deine Stimme!
— Na, dann wirſt Du's doch glauben!



— Gertauſchte Rollena Lehrer: Nun, leſen Sie
den Text, Fieſter! (Baufe.) Sie ſind wohl daxauf nicht vorbe⸗
reitet? Schüler: Herr Profeſſor — ſonſt leſen Sie ja uns
immer den Text.

— Sonſt nichts) Sie waren geſtern in der Oper?
Was haden Sie denn gehört? — Nur ’n bischen Muſik, ſonſt
nichts.

— Gaſernen hofblüthe.) Uutexrofftzier: Die Stiefet
ſind lange nicht geputzt genug — die Stiefel müſſen ſo blank
ſein, daß Ihr darin erkennen könnt, wie viel Uhr es auf dem
Monde iſt.

— Galb und Halb.) Seraphine, iſt e& wahr, daß Du
mit dem Baron verlobt biſt? — Nun, ſo halb und halb ſchon;
— mein Jawort hat er, nur ſeins fehlt noch,

— Eroſt im Unglück) Frau: Ach, lieber Mann, ich
habe ein Geſchwür am Zahnfteiſch, daß ich kaum den Mund
aͤufthun kann. — Mann? So hat jedes Unglück auch ſeine gute
Seite.

— (Au8 der Geometrie-Stunde) Lehrer: Sie,
Nüller, was geben zwei Halbmeſſer zuſammen? — Schüler:
Ein gaͤnzes Meſſer!

— (Das Geburtstagsgeſchenk) Herr (neckend):
Aber mein Fräulein, haben Sie aber ein unſchönes Stumpf⸗
näschen!


chenk und da muß man

10 11 12 13

NZ

erin (den Poſten am Ka—
kennſe mir nit ſage, ob

2






— y AD —

ſondern lauter Nännex.
wird doch nit geheirath

tor, Sie werfen in Ihrer
achausdrücken herum, bei⸗
was heißt das?
niren. Wenn eine Dame
nan würde daraus folgern,
: da3 ein Trugſchluß

—weiß in Heidelberg.

















die alte Näherin.

Novelle von H. A. Banning.
Froi aus dem Holländiſchen von L. v. Heemſtede.

Nachdruck verboten.

Schluß.)

Herr Düburg ſchlug daher vor, daß die Tochter
Verlakens mit Lina die Sommermonate bei Tante
Mina, ſeiner Schweſter zubringen möchte. Frau Ver—
laken war Anfangs von all' dieſen Dingen ſehr em⸗
pfindlich berührt und wie aus den Wolken gefallen,
denn die gute Dame hatte alles Mögliche gethan, um
ihrem Kinde das Leben zu verſchönern. Sie hatte
jedoch zu Düburg ſchon großes Vertrauen gefaßt, und
da ihr die Geſundheit ihrer Tochter über Alles ging,
ſo ſtimmte ſie zu. ;

Das Mädchen war nun ſchon ſeit drei Monaten
auf dem Lande geweſen und vor einigen Tagen mit
Lina zum Namenstage ihrer Wutter zurückgekehrt.
Wie traurig auch Verlakens Zuſtand ſein mochte, ſo
wollte die Familie doch zuſammen kommen, und
auch wir wollen dieſer Geſellſchaft noch beiwohnen,
um zugleich von den meiſten Perſonen uns zu verabs
ſchieden.

Es iſt nicht ſehr fröhlich und lebendig in Ver—
laken's Wohnung, aber die Atmoſphäre iſt viel reiner,
als zu der Zeit, wo die „charmanten“ jungen Leute
dort noch ihre Rolle ſpielten. Wir finden alle Haus⸗
genoſſen da, außer Herrmann, den wir ſehr gut ent—
behren können, dann den Apotheker mit ſeiner Frau,
Duͤburg mit ſeinem Sohn und einer ſeiner Töchter,
Lina und Betje, die Näherin.

Verlaken ſitzt mitten in einem Haufen Kiſſen auf
einem großen Rollſtuhl, Betje ſitzt neben ihm, jeden
Augenblick bereit, beim kleinſten Zeichen hülfreiche
Hand zu bieten.

Wer ſollte jetzt in ihm den Mann noch wieder—
erkennen mit dem imponirenden Aeußern, der ſo ruhig
den goldenen Bleiſtifthalter zwiſchen den Fingern
ſpielen ließ, wenn er ſich nach der Lehre richtete, daß
die Sprache erfunden ſei, um die Gedanken des
Menſchen zu verbergen! Er war wie gänzlich ab—
geſtumpft geworden; man mußte ihm das Eſſen
und Trinken zu den Lippen führen, man mußte ſeine
Wünſche zu errathen ſuchen, denn ſeine Zunge war
nun faſt ganz gelähmt. Nur mit den Augen konnte
er noch einigermaßen zu verſtehen geben, was in ihm
vorging, ſie waren die einzigen Dolmetſcher ſeiner
Empfindungen.

Als ſeine Tochter und Lina an jenem Abend zu
ihm kamen, ließ er einen Ton hören, der Andere ent—
ſetzt haben würde, doch Betje, die täglich einige Stun—
den bei ihm zubrachte und ihn am beſten pflegen
konnte, wußte, daß es ein Freudenruf war. Seine
Augen folgten den Bewegungen der beiden Mädchen,
und als ſie zu ihm kamen und ihn herzlich küßten,
ſtieß er nochmals einen ſolchen Schrei aus und es
rollten einige Thränen üher feine abgezehrten Wangen
nieder. Seine Augen ruhten erſt lange auf Lina und






Naͤhe ſtand. Betje ſah, daß er etwas verlangte,
aber was? Sie erfuchte den jungen Düburg, näher
zu treten. Die Augen des Kranken richten ſich ab-
wechſelnd auf ihn und auf Lina. Er verlangte aber
noch etwas Anderes, das konnte Betje deutlich mer—
fen, aber ob ſie auch einige Fragen an ihn richtete,
der arme vexmochte ja keine Antwort zu geben.

Plötzlich ſchien ihr ein Licht aufzugehen. Sie
brachte Adolph und Lina ganz nahe an jeinen
Kraukenſtuhl und legte ihre Hände in einander. Gleich
darauf ſchloß Verlaken die Augen, zum Zeichen, daß
man ihn verſtanden habe.

„Ach, der gute Mann verlangt, daß alles
Vergaͤngene vergeſſen und vergeben ſei, er will
Alles wieder gut machen,“ ſaͤgte die offenherzige
Frau Verlaken und drückte ihm einen Kuß auf ſeine
Wangen. { d

Inna Speckmann, die dicht bei der Gruppe
ſtand, wendete ſich ab, und biß ſich in die Lippen.
* ſchien noch viel klüger und beſſer geworden zu
ein.

„Welch' ein Zuſtand!“ ſagte der alte Düburg.
leiſe zum Apotheker, „ſollte Verlaken es noch lange ſo
aushaͤlten können?“

Speckmann zuckte die Achſeln. „Es kann noch
lange dauern, aber auch ſehr bald zu Ende fein,“
fagte er mit wichtiger Miene, wie vom hohen Werth
feines Orakelſpruchs überzeugt. „Es hat ſchon Bei-
ſpiele gegebeu, daß ſolche Kranke noch ſehr viele
Jahre lebten, aber man kann durchaus nicht daxauf
dechnen. Es iſt deshalb immer gut, die nöthige Für—
ſorge zu treffen.“

„Was das angeht,“ erwiderte Düburg, der na—
türlich begreifen mußte, daß der Apotheker an geiſt—
liche Medlzin dachte, „ſo kann man, wie ich meine,
ruhig ſein. Der Pfarrer, der ihn faſt täglich beſucht,
verſicherte mir, daß der Kraͤnke vom beſten Geiſte
beſeelt und ganz vorbereitet iſt zum Sterben. Es ift
zu hoffen, daß man das einſtens von unz, Allen
wird ſagen können, Herr Speckmann“, fügte er lächelnd
hinzu, „denn die Heilmittel der Kirche ſind lür die
Seele von weit höherem Werth, als Ihre Mixturen
für den Leib.“

„Das iſt gewiß wahr, ganz gewiß wahr,“ ſagte
Speckmann, der ebenfalls lächelte, aber ſich dann von
Düburg losmachte, um zu ſeiner Frau zu gehen, denn
dieſe ſtand ganz allein und war nicht in der roſigſten
Laune, wie man ihr wohl anſehen konnte.

Es war ohne Zweifel ein trauriger Geburtstag
für Frau Verlaͤken, aber die unzweideutigen Beweiſe
der Theilnahme, die ſie erhielt, warey ihr CIM
ein ſüßer Troſt, und wenn fie ihre Tochter anlah,
wurde ihr Leid gemildert durch den hoffnungsvollen
Gedanken, daß fie ihr Kind bald gaͤnz wiederhẽrgeſtellt
ſehen würde.

Die Gäſte hatten ſich um den Tiſch geſchaart
und brachten den Abend ferner bei einem Glaſe Wein
und ſtiller Unterhaltung zu, denn von Fröhlichkeit
oder lauten Spielen konnte natürlich keine Rede
ſein. Betje aber ſaß treu neben dem Kranken, ſie


loading ...