Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 1.

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Bücherschau.

Mittelalterliche Hau- und Kunstdenkmäler in
Magdeburg. Im Selbstverlag herausgegeben und
aufgenommen unter Leitung der Herren Stadtbau-
inspektor Jaehn und Regierungsbaumeister Ochs
von E. von Flottwell, Architektur-Photograph.
Zwei sehr hervorragende niedersächsische Bau-
denkmäler: Das Kloster mit der Kirche Unserer
Lieben Frauen und der Dom in Magdeburg, jenes
vorwiegend der romanischen, dieser der Uebergangs-
periode und der Frühgothik angehörig, erscheinen hier
in 40 ganz vortrefflichen Grofsfolio-Lichtdrucktafeln
zum mäfsigen Preise von 40 Mark. Von der Aufsen-
und Innen-Architektur, ihrer konstruktiven Gestaltung,
wie ihrer malerischen Wirkung geben sie ein voll-
kommenes Bild und die zahlreichen baulichen und figür-
lichen Details ermöglichen eine genaue Kenntnifs wie
der ganzen Anlage, so ihrer Ausstattung, mag sie in
Figuren oder Malereien, in Allären oder Chorstuhlen,
in Grabmälern oder Epitaphien bestehen; in Stein oder
Holz, in Bronze oder Eisen ausgeführt sein. Daher
findet hier nicht nur der Architekt reiche Nahrung und
volle Befriedigung, sondern auch der Archäologe, für
den der genaue Einblick in die aufsergewöhnlich voll-
ständig und gut erhaltene Einrichtung des Domes von
gröfster Wichtigkeit ist. Der Steinmetz wie der Holz-
bildhauer, der Dekorationsmaler wie der Kunstschmied
findet hier vielfache Belehrung und Anregung, und für
die Ikonographie ergibt sich eine Fülle bedeutsamer
Gesichtspunkte. .Der nicht umfängliche, aber sehr klare
und zuverlässige Text, der den Regierungsbaumeistern
Kothe bezw. Ochs zu danken ist, gibt einen kurzen
Ueberblick Über die Geschichte der beiden Bauten und
eine sehr lehrreiche Beschreibung ihrer Eigenthiimlich-
keiten, so dafs an seiner Hand die Tafeln eine um
so verständlichere Sprache reden. — Die Anschaffung
dieses mustergültigen Werkes, dessen Zusammenstellung
Geschick und Opfer in ungewöhnlichem Mafse erfordert
hat, darf mit gutem Gewissen weiteren Kreisen um so
mehr empfohlen werden, als von der Aufnahme, die
es findet, die Fortsetzung desselben abhängt, die sich
auf Quedlinburg, Halberstadt, Goslar u. s. w. erstrecken
soll, also auf Orte, denen an Zahl und Bedeutung
mittelalterlicher Bau- und Kunstdenkmäler nur ganz
wenige Städte Deutschlands gleichkommen. h.

Die Gräber- und Textilfunde von Achmim-
Panopolis von R. Forrer. Mit 16 Tafeln: 250
Abbildungen.— Römische und byzantinische
Seiden-Textilien aus dem Gräberfelde von
Achmim-Panopolis von R. Forrer. Mit 17 Tafeln:
120 Abbildungen. Strafsburg 1891.
Diese beiden, nur in wenigen numerirten Exemplaren
hergestellten, nicht im Buchhandel erschienenen Klein-
folio-Bände bieten in ihren durch Photographie, Auto-
graphie, zum grofsen Theile durch Farbendruck be-
wirkten Tafeln und in ihren dem Texte eingereihten
Illustrationen ein nahezu vollständiges Bild von den
überaus fruchtbaren und bedeutungsvollen Ergebnissen
der erst vor 10 Jahren begonnenen, zumeist in uralten
Geweben bestehenden ägyptischen Ausgrabungen. Die
Energie, mit der diese einige Jahre hindurch im Stillen

und mehr räuberischerweise betrieben wurden, hat bekannt-
lich vorübergehend den Markt, zumal in Deutschland
und Oesterreich, mit dem ersten Jahrtausend entstam-
menden Stoffen überschwemmt und Privatsammlern wie
öffentlichen Museen bis dahin ungekannte und unge-
ahnte Textilien in grofser Anzahl zugeführt. In so
zahlreichen und so mannigfaltigen Exemplaren hat der
Verfasser sie in seiner Hand vereinigt, dafs er es wagen
durfte, aus ihnen allein, in technischer und dekorativer
Beziehung eine Art Geschichte der Textilkunst von der
altchristlichen Zeit bis in die byzantinische Periode
zusammenzustellen. Diese Aufgabe, die um so schwie-
riger war, als nur wenige und knappe Vorarbeiten vor-
lagen, die Urtheile der Sachverständigen über das Alter
der einzelnen Gruppen von Stoffen erheblich ausein-
andergehen und bei dem Raubsystem von irgendwie
zuverlässigen Fundberichten natürlich keine Rede sein
kann, hat der Verfasser in höchst anerkennenswerther
Weise gelöst durch die anschauliche Veröffentlichung
des umfassenden Illustrationsmaterials und durch die
historisch und namentlich technisch werthvollen Erläu-
terungen, welche jene begleiten.

Der I. Band führt auf Tafel I ,,Schmuckgegen stände"
vor, auf Tafel II bis VIII „römische Textilien" (des
II. und III. Jahrh.) ornamentale wie figurirte, auf
Tafel IX bis XII „Textilien aus der Uebergangszeit"
(IV. Jahrh.), auf Tafel XIII bis XVI solche aus der
„byzantinischen Zeit" (V. bis VIII. Jahrh). Der 27 Sei-
ten umfassende Text macht mit der Vorgeschichte dieser
Funde, wie mit den Vorfragen für deren Verstandnifs
bekannt, um sodann die oben angegebene Eintheilung,
also namentlich die Charakterisirung und Datirung der
einzelnen Fundstücke eingehender zu erläutern und zu
begründen.

Der II. Band beschäftigt sich nur mit denselben
Epochen angehörigen Seiden-Textilien, von denen
der Verfasser eine ganz einzige, völlig unvergleichliche
Sammlung besitzt, das" gesammte Rüstzeug für die
Lösung der in der neuesten Zeit von der Archäologie
in den Vordergrund gerückten Seidenfrage. Hier sind
nur die beiden ersten Tafeln der „römischen Seiden-
wirkerei" gewidmet, die folgenden 15 „den früh-
und spätbyzantinischen Seiden-Geweben, -Wirkereien,
-Stickereien". Mancherlei Vorfragen, zumal technischen,
ist auch hier wiederum der 28 Seiten umfassende Text
gewidmet, ebenso näheren Erklärungen einzelner her-
vorragender Stücke, vornehmlich solcher mit christ-
lichen Darstellungen, denen der Verfasser mit Recht
ganz besondere Aufmerksamkeit zuwendet.

Das massenhafte Material, welches die (in den
beiden letzten Jahren amtlich gehinderten) ägyptischen
Ausgrabungen zu Tage gefördert und namentlich der
deutschen Forschung unterbreitet haben, hat Anfangs
fast verblüffend gewirkt und viel mehr Fragen auf-
geworfen, als gelöst. Noch lange wird die Wissen-
schaft sich mit ihnen zu beschäftigen haben. Wer
immer aber an dieser interessanten Arbeit irgendwie
theilnehmen will, kann die sehr verdienstvollen Samm-
lungen und Forschungen des Verfassers nicht entbehren,
die allem Anscheine nach noch Vermehrung bezw.
Fortsetzung erhoffen lassen. D.
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