Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST _ Nr. 12.

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Die Erzthüren und die Fassade von St. Zeno zu Verona.

II. Die Marmorreliefs der Fassade.

|ine eingehendere Beschreibung der
reich gegliederten, dem Innenbau
entsprechenden Fassade liegt aufser
dem Bereich dieses Aufsatzes und
ist ohne gute Abbildung kaum möglich. Nur
ihre Bildwerke beschäftigen uns hier. Dieselben
befinden sich in der höhern, dem Mittelschiff
entsprechenden Abtheilung. Oben hat letztere
ein grofses Radfenster mit zwölf durch Doppel-
säulen gebildeten Speichen, welche ebensoviele
Rundbogen tragen, um die sich ein grofser
Kreis legt. Sechs Figuren sind in diesem Kreise
angebracht, die höchste, oben auf dem Rad
befindliche, thront ruhig im Besitze des Glückes.
Zu ihrer Linken steigen auf der Nordseite zwei
bekleidete Figuren auf, zur Rechten fallen zwei
halb bekleidete herab, eine sechste liegt unten,
der thronenden gegenüber, nackt auf dem Boden;
sie hat alles verloren. Vier in der äufsern und
innern Umfassung des Rades ehedem angebrachte
leoninische Verse erklärten den Sinn dieser
Bilder:

+ En ego fortuna moderor mortalibus utia;
Elevo, depono, bona cunctis vel mala dono,
+ Induo naiatos, denudo veste paratos,
In me cotifidit si quis, derisus abibit.
Unterhalb dieses Glücksrades tritt der Portal-
bau vor. Er beginnt unten mit zwei vor der
Mauerfläche ruhenden Löwen. Der Löwe der
Nordseite hält zwischen den Klauen das Haupt
eines Menschen, der Löwe der Südseite einen
Widder. Jeder trägt eine Säule mit korinthi-
sirendem Kapital, worauf die Stirnseite je eines
grofsen, aus der Wand heraustretenden Steines
liegt. Beide Steine enden in Bildern zusammen-
gekauerter Menschen; auf der Südseite sieht man
eine Frau, auf der Nordseite einen bärtigen Mann.
Oberhalb der Häupter dieses Paares beginnt
ein grofser Rundbogen, über dem sich der den
Vorbau abschliefsende niedrige Giebel erhebt.
In der Mitte des durch den Rundbogen und
den Giebel gebildeten Raumes erscheint unter
der Hand Gottes das Lamm, zur Seite stehen
die grofsen Figuren der beiden Johannes. Der
Täufer nimmt die Epistelseite, südlich und links
vom Lamme, ein. Dort sind auch die Basreliefs
aus dem Alten Bunde angebracht, dort ruht ein
Löwe auf einem Widder und hat die Erzthüre

einen Löwenkopf. Johannes, der Evangelist,
steht nördlich, auf der Evangelienseite, wo die
Basreliefs aus der Geschichte des Neuen Bundes
sich finden und sowohl beim Löwen als auf
der Erzthüre und an der Stirnseite jenes Steines
der Kopf oder die Figur eines Mannes dar-
gestellt ist. Vier Inschriften erklären den Sinn
der Bilder:

+ Dextra Dei gcntcs benedicat sacra pttentes.
+ Agnus liic est, cuncti qui tollit crimina mundi.
+ Sensit, praedixit, tnonstravit, gurgite tinxit.
+ Aslrapelens alcs Mbit alla fluenta Joannes,
Pectore de Christi gustans archana (Deir).
Jenen Rundbogen haben die Steinmetzen durch
zweimal vier Blumen und zwischen diesen durch
zweimal drei Thiere verziert. Das Lamm steht
über den Schlufsstein zwischen zweien jener
Blumen.

Die untern Flächen jener beiden aus der
Mauer hervortretenden, auf den Säulen ruhenden
Steine zeigen zwei Drachen, die Seiten Monats-
bilder. Letztere beginnen auf der Südseite mit
dem Monat März, in dem damals der Jahres-
anfang lag, und sind so angeordnet, dafs jeder
Stein auf der äufsern und auf der innern, der
Thüre zugewandten Seite je drei derselben er-
hielt. Versinnbildet sind die einzelnen Monate
folgendermafsen:

März: F2in Ritter zieht aus.

April: Ein Mädchen hält in jeder Hand
eine Blume.

Mai: Ein Mann, dessen Haupt von Sonnen-
strahlen umgeben ist, bläst in zwei nach rechts
und links gewendete Hörner.

Juni: Ein junger Mann pflückt Früchte vom
Baume.

Juli: Ein Bauer bei der Weizenernte.

August: Ein Mann schlägt Reifen um ein F'afs.

September: Ein Winzer keltert Trauben.

Oktober: Ein Hirt wirft Eicheln vom Baume,
welche von seinen Schweinen gefressen werden.

November: Ein Mann schlachtet sein ge-
mästetes Schwein.

Dezember: Ein Mann trägt Brennholz.

Januar: Ein Greis wärmt seine Füfse am
offenen Feuer.

Februar: Ein Mann beschneidet die Reben.
An diesem Basrelief sind die deutlichsten Farb-
spuren erhalten. Sie zeigen, dafs ehedem das
ganze Portal bemalt war.
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