Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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Abhandlungen.

Studien zur Geschichte der fran-
zösischen Plastik.

IL
Die Königsportale der
nordfranz.Kathedralen.

Mit 3 Abbildungen,
on der Kirche Notre-Dame zu
Corbeil steht nichts mehr auf
dem Erdboden. Die Stürme
der französischenRevolution
hatten den mächtigen Bau
zerrüttet. Der Skulpturen-
schmuck war im Jahre 1793
verstümmelt worden — so
mufste die Kirche in den
Jahren 1820 bis 1823 niedergelegt werden. Ihr
Gründer war Bouchard IL, Graf von Corbeil,
der 1093 zuerst genannt wird und 1108 starb.
Eine genaue Beschreibung des prächtigen Portals
ist nur in einem Briefe erhalten, den Raymond
am 13. Januar 1818 an Miliin richtete. Das
Tympanon enthielt eine grofse Darstellung des
jüngsten Gerichtes. In der Mitte Christus thro-
nend, mit der Linken ein Buch auf das linke
Knie stützend, die erhobene Rechte schon ab-
gebrochen. Hinter ihm ein Kreuz, über ihm,
aus den Wolken, die Hand Gottes. Rechts und
links Engel mit der Dornenkrone und den
Nägeln. Zu seinen Füfsen Engel mit Posaunen.
Darunter unter zwölf Bogen die Apostel en face,
steif aufrecht stehend. Im untersten Streifen die
Todten aus den Gräbern steigend, nach der einen
Seite die Verdammten von Teufeln, die sie mit
einer langen Kette umspannt haben, dem Höllen-
rachen zugetrieben, auf der anderen Seite die
Erlösten nach dem in Gestalt einer Citadelle
dargestellten Jerusalem geleitet. In den Win-
dungen der Gewände befanden sich 24 Greise
auf Thronsesseln, in den Gewänden selbst zur
Seite des Portales sechs hochbedeutende Einzel-
figuren. Nur zwei von ihnen wurden gerettet
durch Alexandre Lenoir, der sie in sein in Paris

') J. A. Guiot »Almanach de Corbeil, annfie 1789«
P- 21. — »Histoire du diocese de Paris« XI, p. 185.

2) T. Picard »Monographie de l'eglise Notre-
Dame de Corbeil«, Revue archeologique II, p. 165.

gegründetes Museum brachte. Nach der Auf-
lösung desselben fanden sie Aufstellung an einem
Seitenportal der Kirche von Saint-Denys.3)

Die beiden Figuren sind verhältnifsmäfsig
gut erhalten. An der männlichen Gestalt (Abb.
Fig. 1) sind nur das Szepter, die obere Hälfte
des Buches, die Krone, die Hälfte des Nimbus
ergänzt, an der weiblichen Figur die Hände mit
dem Spruchband und die Krone, sonst nur
kleine Stücke in der Gewandung.

Die Figuren von Corbeil eröffnen eine grös-
sere Gruppe ähnlicher engverwandter Skulp-
turen, die die Portale einer ganzen Reihe fran-
zösischer Kathedralen schmücken oder bis zur
Revolution schmückten. Ueberall die gleichen
Bilder von Königen und Königinnen im vollen
Ornat. Untergegangen sind sie in Saint-Germain-
des-Pres zu Paris, in Montreau, in Saint-Ayoult
de Provins, erhalten in Saint-Loup de Naud,
in Chartres, Le Mans, Bourges, St. Denys, Dijon.

In der Mitte stehen die Figuren vom Haupt-
portal der Kathedrale von Chartres. Das rechte
und das linke Seitenportal der Westfassade sind
noch etwas härter als das in der Formensprache
schon freiere und ungebundenere Mittelportal.
Die Mafse sind bei den einzelnen Gestalten auf-
fallend verschieden, besonders auffällig an dem
rechten Seitenportal: hier zeigt die eine der
Königinnen nicht weniger als dreizehn Kopf-
längen. Jedes der Portale ist in den Gewänden
mit je sechs Einzelfiguren geschmückt, die mit
der Säule, der sie vortreten, aus einem Stück
gearbeitet sind. Auf dem rechten Seitenportal
befinden sich unter den sechs Figuren vier ge-
krönte, auf dem linken drei gekrönte (eine ver-
stümmelt, die sechste fehlt). Auffällig ist hier
wieder das Kostüm der Königinnen. Die mit
langen Bändern durchflochtenen Zöpfe hängen
zu beiden Seiten frei herab, den Leib umschlingt
ein loser Gürtel mit freien Enden. Die Ge-
wänder sind in enge, geriefelte Falten gelegt,
um die Kniee zeichnen sich sternförmige Falten

3) Abb. A. Lenoir »Hist. des arts en France«
p. 53, 55. — Herbe »Hist. des Beaux-Arts en France
par les monuments« (Paris 1842), pl. 18. — Zeich-
nungen in den Materiaux des Grafen de Bastard (Paris,
Bibl. nat., Cabinet des estampes) IX, fol. 945.
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