Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. _ ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

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Alte Fensterverelasuntren im Dome zu Xanten.

Mit 5 Abbildungen.

n dem Dorne zu Xanten sind in den
Fenstern des nördlichen Seiten-
schiffes Reste von Glasmalereien
erhalten, welche den verschiedenen
Zeitperioden angehören, in denen die einzelnen

Bautheile mit Unterbrechungen entstanden sind;
alle aber haben eins gemeinsam, dafs das helle
Weift in Grisail-Ton den Hauptbestandteil der
ganzen Farbengebung ausmacht. Dadurch war
dieser, an sich dunkeln Seite der Kirche die
nöthige Menge von Licht trotz reicher Ver-
glasung gegeben. Der Vandalismus des vorigen
Jahrhunderts hat hier arg gehaust. Nicht allein,
dafs viele Scheiben durch die Unbill der Zeit
zerstört waren, sondern mit rücksichtsloser Hand
war auch der Zusammenhang der noch übrig
gebliebenen Reste so zerrissen, dafs man ein-
zelne Fächer dieser Fenster des nördlichen Seiten-
schiffes mit anderen Bruchstücken vermischt in
die Fenster des hohen Chores und der Sakristei
eingesetzt hatte. Um aus diesem sinnverwirren-
den Durcheinander herauszukommen, bedurfte es
der Aufnahme aller einzeln verstreuten Brocken,
um dann mit diesen zusammengefundenen Resten
einen Rekonstruktionsversuch zu machen. Selbst
in der Rumpelkammer des Domes fanden sich
noch einzelne Theile, welche benutzt werden
konnten.

Diese Bemühungen um die Restauration
solcher schon durch ihr Alter ehrwürdigen und
durch ihren Kunstwerth als Vorbilder muster-
gültigen Malereien finden selten bei dem Publi-
kum das ihnen gebührende Interesse. Nur der
Ausdauer des Herrn Pastors verdankt der Xante-
ner Dom die Wiederherstellung von zwei Fenstern
und hat die günstige Wirkung derselben hoffent-
lich die Folge, dafs auch zur Ergänzung der
übrigen Fenster weitere Mittel flüssig werden.

Das eine dieser kürzlich durch Glasmaler
Derix in Goch vortrefflich wiederhergestellte
viertheilige Fenster ist hier (Sp. 19/20) in Abbil-
dung beigegeben und stellt den Tod derallerselig-
sten Jungfrau dar. Sie liegt halb aufgerichtet auf
ihrem Lager, das schon leise sich neigende Haupt
durch Kissen gestüzt. Die linke Hand ruht noch
auf der Brust, während die Rechte bereits er-
schöpft herabgesunken ist auf die mit einigen
Ornamenten gezierte Bettdecke, durch deren
schön geordneten Faltenwurf man angedeutet

findet, wie in der Todesermattung die Kniee
leicht angezogen sind. Ein gottergebener Zug
voll himmlischen Friedens ist über die ganze
Gestalt ausgegossen. Wie die legenda aurea es
angibt, sind alle Apostel um die sterbende
Muttergottes versammelt. Petrus steht zu Häupten
des Bettes, seine linke Hand berührt leise das
geneigte Haupt Mariens. Er ist mit Albe und
Stola angethan und erhebt mit der Rechten den
Weihwedel, die Segnungen der Kirche über
die Sterbende auszusprechen. Ein jugendlicher
Jünger neben ihm in langem grünen Rocke
bringt die Sterbekerze, welche er feierlich mit
beiden Händen gefafst hält. Petrus gegenüber,
am Kopfende des Bettes, steht der hl. Johannes,
welchem der Heiland selbst seine Mutter an-
empfohlen hatte. Er, der Liebesjünger, ist durch
ein feurig rothes Gewand vor allen Aposteln
gekennzeichnet. Tief betrübt wendet sein Haupt
sich zu dem neben ihm stehenden und ein
Rauchfafs anblasenden Andreas. Mit der linken
Hand zeigt er auf die sterbende Mutter, in der
Rechten hält er einen grofsen Palmzweig. Die
Bedeutung dieses Palmzweiges lehrt uns die
legenda aurea kennen. Dieselbe erzählt, dafs
Maria, von Sehnsucht verzehrt nach ihrem gött-
lichen Sohn, ein leuchtender Engel erschien und
einen Zweig vom Palmbaum des Paradieses über-
reichte mit der Botschaft, dafs nach drei Tagen
ihr Wunsch erfüllt, sie vom Leibe befreit zu
ihrem göttlichen Sohne gehen werde.. Dieses
Symbol des Sieges trug Johannes vor dem Sarge
der allerseligsten Jungfrau einherschreitend, und
hält hier dasselbe in seiner Rechten. Die übrigen
Apostel umgeben betend, aus hl. Schriften lesend,
oder in leisem Zwiegespräch das Lager der
Sterbenden, über welchem ein grofser baldachin-
artiger Behang mit aufgerafften Seiten sich mäch-
tig ausdehnt und in seinem reich nüancirten In-
digoblau mit gelbem Besatz den wirksamen
Mittelpunkt der ganzen Farbengebung bildet.
Dasselbe Blau wiederholt sich in dem Apostel
mit dem Rauchfasse und in der im zweiten Theil
des Fensters stehenden Profilfigur und klingt
aus in dem kleinen Stück Untergewand des mit
einer Brille lesenden Apostels im ersten Fache.
Die knieende Rückenfigur am Fufsende des
Bettes bekleidet ein röthlich-violetter Rock, auch
das Untergewand des mit seiner Hand sein Ge-
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