Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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es hier zum ersten Male urkundlich festgestellt
sein, dafs auch wohl über eine Theilung der
Knochen testamentarisch verfügt wurde.
Sicherlich werden sich aber wohl auch sonst
noch Urkunden mit ähnlichen Bestimmungen
auftreiben lassen.

Aus dem Bemerkten scheint nun zur Evidenz
hervorzugehen, dafs

1. wenn sich Gräber finden, die zu klein sind,
als dafs eine ganze menschliche Leiche
darin hätte liegen können, hieraus nicht
nothwendig der Schlufs zu ziehen ist, dafs
die Reste erst nach stattgehabter Verwesung
aus dem alten Grabe in das neue über-
tragen worden sind,7) dafs ferner

2. wenn sich Gräber finden, in denen ein Theil
der Gebeine fehlt, oder aber

3. wenn an verschiedenen Orten Grabstätten
ein und derselben Person vorkommen, dies
in einem dem mitgetheilten analogen Vor-
gange seine Erklärung finden kann.

Der Grund dafür, dafs eine derartige Sitte
entstehen oder in christlicher Zeit sich noch
erhalten konnte, lag wohl in dem Wunsche, dafs
man an verschiedenen Stätten durch Grabsteine
an den Verstorbenen erinnert und zum Gebete
veranlafst werden möchte. Was besonders un-
seren Walliser Vicedominus Jacob anbelangt, so
blieben seine Intestina und seine Fleischtheile

7) Vgl. hierzu z. B. Tibus »Das Grab Bischof
Dietrich's III. geb. Grafen von Isenburg im Dom zu
Münster« (Münster 1886). Zu den Resultaten seiner
Forschungen nehme ich hier indefs keine Stellung.

im Heimathsorte; die Hälfte seiner Gebeine kam
in die Abteikirche in der Au (ein Theil der
Freiburger Unterstadt), wo, wie ich durch Herrn
Gremaud erfahre, seine Schwester als Nonne
lebte; die andere Hälfte kam in das Cister-
zienserkloster Hauterive (Altenryf, eine Stunde
von Freiburg), wo wahrscheinlich ein männ-
licher Verwandter von ihm lebte. Beide Klöster
werden dem Testator auch sonst wohl verpflich-
tet gewesen sein.

Der hier mitgetheilte Fall, der in seiner Be-
sonderheit zu den Ausnahmen in der geschilder-
ten Begräbnifsweise rechnen wird, dürfte auch
zu den letzten Beispielen derselben gehören.
Fünfzehn Jahre nach der Abfassung jenes Testa-
mentes nämlich, am 27. September 1299, er-
liefs Papst Bonifacius VIII. eine Bulle, worin
er das Abkochen der Fleischtheile von den Ge-
beinen als der christlichen Pietät widersprechend
erklärte und es als einen Mifsbrauch verbot8)

Es wäre sicherlich eine verdienstvolle Ar-
beit, wenn der Gegenstand, wie dies Röhricht
wünscht, einer zusammenfassenden Behandlung
unterzogen würde.

Freiburg (Schw.) W. Effmann.

8) Bonifacius VIII. statuit et ordinat, ut cum quis
diem de cetero claudet extremum, circa Corpora defunc-
torum nullatenus observetur abusus ille, quo nonnulli
iideles corpora in remotas terras transferenda aqua
ferventissima decoqui, concidi vel exuri consueverunt,
cum id a pietate chrisliana abhorreat. ,,Detestandae
feritatis abusum". Dat. Anagniae 5. Kai. Octobris anno
quinto. Potthast, Reg. Nr. 24881; Richter, Corp.
jur. II. 1187.

Nachrichten.

f August von Essenwein,

Geheimrath und Erster Direktor des germanischen
Nationalmuseums, ist am 13. Oktober d. J. zu Nürn-
berg im Alter von 61 Jahren, nach mehrjährigem Lei-
den, in Folge eines Schlaganfalles verschieden. Sein
früher Tod ist ein ganz unersetzlicher Verlust für das
Museum, welches er im Jahre 1866 übernahm, für die
kirchliche Kunst, der er über drei Jahrzehnte mehr als
irgend ein anderer Künstler Deutschlands durch ein eben-
so geniales wie gründliches und umfassendes Schaffen
gedient hat, für die archäologische Forschung, von
der eine lange Reihe hervorragender Werke glänzendes
Zeugnifs ablegt. — Die räumliche Ausdehnung des ger-
manischen Museums, das gewaltige Anwachsen seiner
kulturhistorischen Sammlungen, die Beschaffung der
dafür erforderlichen enormen Mittel, die an äufserem
Umfang und innerem Werth hochbedeutsamen Ver-

öffentlichungen seiner Schätze und dessen durch alles
dieses herbeigeführte aufsergewöhnliche Popularität sind
ihm fast allein zu verdanken. — Was er auf dem Ge-
biete der Restauration und namentlich der Ausschmük-
kung gothischer, ganz besonders romanischer Kirchen
geleistet, was er auch dem kirchlichen Kunsthandwerk
genützt hat durch die vielen von einem erstaunlichen
Reichthum an Wissen und Können zeugenden Pläne
und Entwürfe, steht ganz beispiellos da und erscheint
als eine Erbschaft, die Keiner zu übernehmen im
Stande ist. — In den umfassenden Publikationen (den
»Mittheilungen« und »Katalogen«) des germanischen
Museums, die gröfstentheils von ihm bearbeitet sind,
in den Monographieen, die er schon vor seiner Be-
rufung nach Nürnberg, als Baumeister in Wien und
Graz herausgegeben, später fast bis zu seinem Lebens-
ende fortgeführt hat (vgl. Bd. IV, Sp. 287 bis 293 dieser
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