Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

Page: 109
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1892/0077
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
100

1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

110

Die Propsteikirche zu Oberpleis.

Mit 10 Abbildungen.

II.

ie Propsteikirche, wie sie gegenwärtig
dasteht, setzt sich zusammen aus
Westthurm, dreischiffigem Langhaus,
östlichem Querschiff und Chor. Wäh-
rend Chor und Querschiff, die mit einer Krypta
unterbaut sind, dem Beginn des XIII. Jahrh.
angehören, fallen Langhaus und Krypta in die
Zeit um 1100. Die Kirche ist ein reiner Pfeiler-
bau; die Pfeiler-Kapitelle des Mittelschiffs be-
stehen in Platte und Schmiege; die Hochwände
stammen jedoch mit ihren Gewölben aus der
Bauperiode des XIII. Jahrh. Die geringen Wand-
stärken und die schlanken Pfeiler der die Hoch-
wände tragenden Arkaden bekunden, dafs das
Mittelschiff der Kirche ursprünglich mit flacher
Decke versehen war. Auch die Seitenschiffe
haben anfangs Flachdecken gehabt; die Gewölbe
sind später eingefügt. Dafs die Kirche schon in
ihrer ersten Plananlage mit Querschiff und im
Halbrund schliefsenden Chore ausgestattet ge-
wesen ist, ergibt sich aus der Grundform der
von dem ersten Bau herrührenden Krypta.

Dieselbe besteht, wie der Grundrifs (Fig. 3)
zeigt, aus einem durch zwölf Säulen der Breite
nach dreifach, der Länge nach siebenfach ge-
theilten Querschiff, dem sich nach Osten hin ein
quadratisch gestaltetes dreischiffiges Langhaus
anschliefst. Das Mittelschiff desselben findet
seinen Abschlufs in einem rechteckig gebildeten,
mit einer Halbtonne überwölbten Altarraume;
die beiden Nebenschiffe endeten ursprünglich
in halbrund geformten Nischen.16) Der Säulen-
stellung entsprechend sind die Wände durch
Pilaster gegliedert; die einzelnen Gewölbefelder,
die durch Gurtbögen eingefafst werden, haben
einfache Kreuzgewölbe mit scharfen Graten, ohne
Stich. Die Kapitelle der Säulen sind in der
Würfelform gebildet und mit Deckplatten ver-
sehen; jedes Bogenfeld ist mit zwei halbkreis-

1(!) Diese Nischen waren bis vor Kurzem vermauert,
auf ihr Vorhandensein mufste aber aus bestimmten Merk-
malen geschlossen werden. Bei der jetzt erfolgten Offen-
legung hat sich ergeben, dafs dieselben nicht, wie dies
bei den lange vor der Restauration angefertigten Zeich-
nungen angenommen worden ist, bis auf den Fufs-
boden herunterreichen, sondern erst in Höhe von ca.
90 cm über demselben aus dem Mauerwerk ausgespart
sind: ein Umstand, der vielleicht seine Erklärung darin
findet, dafs hier Seilenaltäre angeordnet waren,

förmigen Schilden verziert. In Folge allmählicher
Erhöhung des Fufsbodens waren die Basen der
Säulen und Wandpfeiler verdeckt, wie dies die
Abbildung (Fig. 4) zur Anschauung bringt. Die
Restauration von 1892 hat den Fufsboden auf
die alte Höhenlage gesenkt und dadurch die
Sockel der Wandpfeiler und Säulen wieder frei
gelegt. Die Wandpfeiler haben einen einfachen
aus Schmiege und Platte gebildeten Sockel, die
Säulen die übliche attische Basis, und zwar zum
Theil in unvollendeter Ausführung.

Zugänglich war die Krypta ursprünglich durch
zwei Treppen, welche von den Seitenschiffen
aus hinunterführten: Dieselben kamen in Weg-
fall, als im Jahre 1718 die Krypta zum Vor-

Fig. 3.

Grundrifs der Krypta.

rathskeller umgestaltet und zu diesem Zwecke
von Aufsen her auf der Südseite mit einem be-
sonderen Eingang versehen wurde. „Anno 1718
ist dieser Keller gemachet worden", so heifst es
nämlich auf dem Deckbogen der dort befindlichen
Eingangsthür, welche bei der jetzt im Gange befind-
lichen Restauration, wobei der alte Zustand her-
gestellt wird, nunmehr wieder in Wegfall kommt.
Während die aufgehenden Theile der Chor-
mauern im Wesentlichen dem Umbau des
XlU.Jahrh. angehören, sind die Mauern desQuer-
schiffs, wenigstens in ihren unteren Partieen,
noch Bestandteile des ursprünglichen Baues!
Das Gleiche ist der Fall mit dem Langhause,
die Seitenschiffmauern gehören dort vollständig'
die Mittelschiffmauern in ihrem unteren Theile,'
den Pfeilerarkaden, dem ersten Bau an, während
die Hochwände im XIII. Jahrh. eine vollstän-
dige Erneuerung erfahren haben.
loading ...