Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 11.

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Bücherschau.

Di e Malereien des Huld igungss aale s im Rath-
hause zu Goslar von Gustav Mülle r-Grote.
Mit Illustrationen und Lichtdrucktafeln. Berlin 1892,
G. Grote'scher Verlag.
Auf diese wohl recht vielen Harzreisenden bekannt
gewordenen Malereien isl in der jüngsten Zeit von
mehreren Seiten die Aufmerksamkeit hingelenkt worden,
um sie dem Michael YVolgemut streitig zu machen, dem
sie früher allgemein zugeschrieben wurden. Zu dem-
selben Resultate ist ganz selbstständig der Verfasser
der vorliegenden, aus einer Dissertation herausgewach-
senen Studie gelangt, die durch eine genaue Analyse
der Wolgemut'schen Malweise den Beweis erhärtet und
an jene Stelle auf Grund sorgfältigster Vergleichung
den Maler Johann Raphon von Norlheim setzt. Als
Einleitung zu dieser eingehenden, ganz logisch sich ent-
wickelnden Prüfung erscheint ein recht lehrreicher,
manche neue Angaben enthaltender Abschnitt über
deutsche, (besonders niedersächsische) Rathhäuser im
XIV. und XV. Jahrh., in welchem das Aachener Rath-
haus, ein wichtiges Glied in der bezüglichen Kette,
übersehen worden ist. Die beigefügten, durchweg guten
Illustrationen sind sehr schätzenswerthe Beigaben, so-
wohl, insoweit sie Goslarer Gemälde wiedergeben, als
namentlich auch insofern sie Beiträge liefern zu den
Sibyllen-Darstellungen im XV. und XVI. Jahrh., ihren
Ausgängen und ihrer Entwickelung, womit der letzte
Abschnitt des Buches in gründlicher Weise sich be-
schäftigt. Von dem sicheren Blick und Takt des jungen
Gelehrten wird wohl noch mancher Beitrag zur mittel-
alterlichen Kunstgeschichte zu erwarten sein. t.

Die Glasgemälde der ehemaligen Benedik-
tin e r a b t e i Muri im Aargauischen Museum für
Kunst und Gewerbe in Aarau. Herausgegeben von
der mittelschweizerischen geographisch-kommerziellen
Gesellschaft in Aarau. 30 Lichtdrucktafeln mit Text
von Dr. Th. von Liebenau. 2. Aufl. Aaraul892.
Nirgendwo hat die Kabinets-Glasmalerei glänzen-
dere Triumphe gefeiert, als in der Schweiz, und zu
den schönsten „Schweizer Scheiben" zählen diejenigen
aus dem Kreuzgange der Abtei Muri, die zumeist aus
den Jahren 1555 bis 1569 stammen und nach Auf-
hebung des Klosters dem Museum für Kunst und Ge-
werbe zufielen. Dieses hat einen Theil des kostbaren
Schatzes, Dank vornehmlich dem Betreiben des überaus
rührigen Sekretärs Karl Bührer, zum Gemeingut ge-
macht durch dessen ganz vortreffliche Veröffentlichung,
welche in 30 recht scharfen und gut abgetönten Licht-
drucktafeln mit orientirendem Texte besteht. Der letztere
macht mit der Geschichte derselben bekannt, weist auf
ihre Vorzüge, die ästhetischen wie technischen hin,
nimmt die meisten und besten für die beiden Züricher
Glasmaler Karl von Aegeri und Nikolaus Bluntschli
in Anspruch, deren Eigentümlichkeiten näher bezeich-
net werden. Den Schlufs bildet die sorgsame Beschrei-
bung sämmtlicher Gemälde, von denen 23 von den
Ständen und Städten, 11 von geistlicher, 23 von welt-
licher Seite gestiftet wurden und 8 in bekrönenden Mafs-
werkdarstellungen bestehen. Von dem kunstgeschicht-

lich, kulturhistorisch und kunstgewerblich gleich bedeut-
samen Werke wird voraussichtlich sehr bald eine dritte
Auflage nöthig sein. rj_

Aeltere orientalische Teppiche aus dem Be-
sitze des allerhöchsten Kaiserhauses von
Alois Riegl.
Diese glänzend ausgestattete und eingehende (H5
Folioseiten umfassende), manche gründliche Unter-
suchungen und neuen Gesichtspunkte bietende Studie
ist ein Sonderabdruck aus dem XIII. Band vom »Jahr-
buch der kunsthistorischen Sammlungen des aller-
höchsten Kaiserhauses« und behandelt die 15 älteren
orientalischen Teppiche, welche das letztere besitzt.
Dieselben erscheinen sämmtlich in ganz vorzüglichen
Heliogravüren, 2 sogar in überaus sorgfältig herge-
stellten Farbendrucken. Dem berühmten Jagdteppich,
der Perle der ganzen Sammlung, sind 5 Tafelbilder und
IG Textillustrationen, letztere vornehmlich zum Zwecke
der Zeitbestimmung, gewidmet. Aufser ihm ist nur noch
ein persischer Teppich mit Figuren geschmückt, die
übrigen persischen, vorderasiatischen und (mit Unrecht
sogen.) Polenteppiche sind nur vegetabilisch gemustert
und bei dem marokkanischen Seidenteppich wiegt das
geometrische Ornament vor. Nähere Aufklärung bietet
hierüber der umfängliche Text, der namentlich auch
den Nachweis bringt, dafs keiner dieser Teppiche über
das XVI. Jahrh. zurückreicht, die meisten erst dem
XVII. und XVIII. Jahrh. angehören. B.

Malines ancien publik par Aug. van Assche,
imprime et e'dite par H. Dessain, Liege. Recueil
des vues et monuments reproduits d'apres les albums
de de Noter. I. et II. livraison.
Der wegen seiner so geschickten wie pietätvollen
Restauration mittelalterlicher Baudenkmäler und wegen
seiner tüchtigen Neuschöpfungen im Geiste derselben
hochgeschätzte Baumeister veröffentlicht hier, unter der
Flagge eines in Roth und Schwarz meisterhaft kom-
ponirten Schrift-Titelblattes, in sehr treuen und an-
sprechenden Reproduktionen zahlreiche Aufnahmen aus
dem alten Mecheln, die von dem dort im Jahre 1855
gestorbenen J. B. de Noter herrühren. Dieser hoch-
begabte Zeichner und Aquarellist hatte durch seinen
Vater, der dort Stadtbaumeister war, die erste An-
leitung im Zeichnen erhalten und die Vorliebe für die
Aufnahme alter Architekturwerke geerbt. Nachdem er
diese in anderen Grofsstädten Belgiens bethätigt und
weiter entwickelt hatte, kehrte er im Jahre. 1828 in
seine Vaterstadt zurück, wo er unausgesetzt Stift und
Pinsel handhabte und (zum Theil unter Benutzung
älterer Abbildungen) eine Anzahl von zumeist mittel-
alterlichen GebäudeD, Slrafsenansichten, Häusergruppen
aufnahm, die damals in Mecheln noch sehr zahlreich
vorhanden waren, seitdem aber zum grofsen Theile
verschwunden sind. Die grofse Rolle, welche Mecheln
im Mittelalter spielte durch seine Korporationen, durch
seine Industrie, zuletzt gar als königliche Residenz,
verliehen seinem äufseren Erscheinen einen solchen
Glanz, dafs es noch im XVII. Jahrh. ,,la Belle" ge-
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