Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 11.

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ausstrahlen zu lassen. Trotz dieser aus ästhe-
tischen wie praktischen Gründen den Vorzug
verdienenden Anordnung hat das durch seinen
Ursprung und sein Wesen sich nicht empfehlende,
unangenehm riechende, feuer- und explosions-
gefährliche Gas niemals, ungeachtet aller Ver-
besserungen, die Bedenken zu überwinden ver-
mocht, die mit Recht gegen dasselbe geltend
gemacht werden.

5. Es wird zugegeben werden müssen, dafs
das elektrische Licht, welches alle diese gefahr-
bringenden Eigenschaften nicht besitzt, vor dem
Gas auch den Vorzug hat, durch seinen Ursprung
und seinen mehr ätherischen Charakter sich zu
empfehlen. Dazu kommt, dafs es mit der gröfsten
Leichtigkeit überall hin zu leiten, auf die ein-
fachste Art in und aufser Funktion zu setzen
ist. Gerade das elektrische Licht eignet sich in
besonderem Mafse zur Ausstattung eines Rad-
leuchters inmitten der Vierung. Und wenn von
hier aus wider Erwarten die Beleuchtung der
ganzen Kirche in hinreichender Stärke nicht
bewerkstelligt werden könnte, so wäre es ebenso
leicht, einen zwei Pfeiler miteinander verbin-
denden eisernen Lichtrechen mit elektrischen
Flammen zu versehen. Aber nur der milde
Glanz des Glühlichtes, nicht der grelle blen-
dende Schein des Bogenlichtes wird in Frage
kommen dürfen, obwohl in dem (bisher allein
restaurirten und daher benutzbaren) Chore des
Domes zu Drontheim (in dem wasserreichen,
deshalb mit elektrischem Licht besonders reich-
lich versorgten Norwegen) die vom Gewölbe
herunterhängenden (wenn ich nicht irre) zehn
dicken Rohre mit Milchglaskugeln durch Bogen-
licht gespeist werden.

6. Ich würde daher den Vorschlag mir ge-
statten, zunächst in der Vierung von St. Stephan
einen mächtigen, mindestens ein Drittel ihres
Durchmessers umfassenden durchbrochenen Ei-
senreifen etwa in halber Höhe aufhängen und
ihn mit einer entsprechenden Anzahl von Glüh-
flammen besetzen zu lassen, deren Birnen aber
nicht, wie es vielfach geschieht, nach unten ihr
Licht auszuhauchen, sondern nach oben zu ent-
falten hätten, vielleicht aus porzellanernen Kerzen-
cylindern heraus, die auch beim Gas sich immer
noch als die einfachste Ausströmungsquelle be-
hauptet haben und für den kirchlichen Gebrauch
sich erst recht empfehlen. Das Kranzlicht dieses

Reifens wird nach der Vierung selbst und den
angrenzenden Theilen des Mittelschiffes zumeist
dem Chore und dem Hochaltare zu Gute
kommen, der mit zahllosen Kerzen bestellt und
umgeben seine eigenartige mächtige
Lichtwirkung auch den elektrischen Flammen
gegenüber bewahren soll und wird. Sollte
das von der Vierung aus in die Seitenschiffe
sich ergiefsende Licht nicht genügend erscheinen,
so mag an der einen, aber nur im Nothfalle noch
an der anderen Stelle derselben eine Leuchter-
bank noch als weiterer Lichtspender erstehen.
Vor der Vereinzelung der Flammen aber, die
durch Wandleuchter herbeigeführt werden würde,
glaube ich warnen zu müssen.2)

Köln, 9. November 1802. Schniilgen.

2) Ueber die am 15. Oktober 1892 und später durch
die Firma Siemens & Halske vorgenommenen Versuche,
den St. Stephansdom durch elektrische Bogen-
lampen zu beleuchten, hat der bekannte Professor
der Theologie und Kunstgeschichte Dr. \V. Neumann
in der jüngsten Nummer vom »Wiener Dombauvereins-
blatt« berichtet. Derselbe bezeichnet die Wirkung des
bläulichen Lichtes auf die gesammte Architektur,
namentlich auf die Gewölbe als eine geradezu ver-
blüffende, weil Alles in einer bis dahin nicht geahnten
Schärfe erschienen sei. Aber die (bekanntlich bisher
nicht bemalten) Wände des Domes hätten auch den
Eindruck eines kahlen Steinbruches gemacht und die
plastische Wirkung der schönen Skulpturen wäre sehr
beeinträchtigt worden durch das grelle Licht, welches
dem Innern zu sehr den Charakter des Geheimnifs-
vollen nehme. Dieser solle der Kirche gewahrt werden
durch die liturgische Bestimmung, auf dem Altare nur
Wachskerzen zu gebrauchen, die allerdings im übrigen
Kirchenraume andere Beleuchtungsmittel nicht aus-
schliefse. Da letztere zudem mancherlei Gefahren mit
sich bringen, so sei zunächst aus liturgischen,
sodann auch aus ästhetischen und praktischen
Gründen von der Einrichtung des elektrischen Lichtes
abzusehen. — Dieser Beschlufs würde vielleicht eine
etwas mildere Fassung, namentlich die Rücksicht auf
die Sehnerven eine minder starke Betonung erhalten
haben, wenn statt des Bogenlichtes das Glühltcht
zur Verwendung gekommen wäre.

Mit elektrischen Glühlampen ist gemäfs einem
Berichte im »Kasseler Tageblatt« am Weihnachtsabend
die St. Martinskirche in Kassel beleuchtet wor-
den und zwar an einem grofsen Kronleuchter im Chor
und an allen Säulen wie an einzelnen Stellen der
Wände. Die Wirkung dieses Versuches wird als eine
sehr befriedigende geschildert, namentlich in Bezug
auf die Dekoration des Gotteshauses, welches gemäfs
dem im vorigen Heft dieser Zeitschrift S. 819/820 vom
Restaurator selbst erstatteten Berichte vor Kurzem eine
neue Bemalung erhalten hat. D. V.
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