Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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der jetzigen Sakristei, welche dem Ende des XV. Jahrh.
entstammt, wurden die Fundamente eines kleinen An-
baues aufgedeckt, der augenscheinlich als Beichthalle
gedient hat.1) Nach dem Seitenchore hin befand sich
eine niedrige Nische, die im Chore nur 0,80 m über
dem Fufsboden anfängt. Eine Thür, die mit der Kirche
in Verbindung stand, existirte früher nicht.

Nächst des Südthurmes fand sich im Mauerwerk
eine Doppelarkade, die ehedem mit einer Holzthüre
im Inneren der Kirche verschlossen wurde. Es dürfte
wohl anzunehmen sein, dafs man dort dem Volke die
Reliquien zeigte und, wie dies früher Brauch war, den
Halsleidenden aus dem Schädel der hl. Amelberga, der
in Silber gefafst war, zu trinken gab. Als Fenster
konnte diese Arkade nicht dienen, weil sie zu niedrig
lag und auch nicht, wie die übrigen Fenster, die Fuge
für die Glasscheiben aufweist.

Zwischen den Thüren wurde das Fundament einer
gekuppelten Säule aufgedeckt, welche die Bogen des
Nonnenchores trug.

An den Pfeilern des Triumphbogens fanden sich
die Oeffnungen vor, in denen der das Triumphkreuz tra-
gende Balken eingelassen war. Ein Triumphkreuz mit
den Figuren der hl. Gottesmutter und des hl. Johannes
(aus dem XIII. Jahrh.) ist noch erhalten geblieben
und wieder an der alten Stelle angebracht worden.

Vor den Pfeilern zwischen Querschiff und Chor fan-
den sich die Fundamente zweier Ambonen. Eine Menge
Ueberreste des Aufbaues der Ambonen hatten sich schon

1) In den »Mittheilungen der K. K. Centratkommission zur
Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denk-
male in Oesterreichff sind mehrere solcher Beichtkammern und
Beichtnischen erwähnt.

früher in einer zugemauerten Thüre sowie unter dem
Fufsboden der Kirche vorgefunden. Diese Ueberreste
bestehen in geraden Leisten aus verschiedenem Material.
Dasselbe ist einerseits französischer Sandstein, anderer-
seits eine Art Kreidestein, der indessen ziemlich hart
ist. Es sind Umrahmungsstucke, deren Füllungen jeden-
falls in Marmor oder Schiefertafeln bestanden. Solcher
Schiefertafeln, in grofsen Dimensionen, fanden sich auch
noch im ursprünglichen Fufsboden vor. Die Ornamente
der Rahmenstücke sind von ungemeiner Schönheit und
Mannigfaltigkeit. Es sind theils rein geometrische Figu-
ren, theils mit Pflanzen- und Thiernguren abwechselnde
Ranken. Achtzehn verschiedene Ornamente wurden bis
jetzt gefunden. Es ist zu hoffen, dafs die noch fehlen-
den Theile sich beim Abbruche des in späterer Zeit
restaurirten Südthurmes vorfinden werden.

Auf den Würfelkapitälen des Mittelschiffes fanden sich
theils mit Rothstift vorgezeichnete, theils ausgeführte
Ornamente aus dem XIV. bezw. XV. Jahrh. vor. Wahr-
scheinlich hatte man die grofsen Flächen der Kapitale
dadurch beleben wollen, doch blieb es bei dem Ver-
suche, da nur einzelne Kapitale diese Ornamente zeigen.

Die Restaurationsarbeiten sind jetzt wieder aufge-
nommen worden und werden in diesem fahre mit Gottes
Hilfe zu Ende geführt.

Einer der Ambonen ist unter getreuer Kopirung
der alten Ornamente wieder hergestellt worden. Ob
man dazu übergehen kann, auch die alten Malereien
und den zweiten Ambo wieder herzustellen, wird da-
von abhängen, ob die Regierung weitere Hilfsmittel zu-
gestehen wird, welche bei der Anfrage für die Restau-
ration der Kirche verweigert wurden.

Gelsenkirchen. L. von Fisenne.

Bücherschau.

Die Kunstdenkmäler des Grofsherzogthums
Baden. Beschreibende Statistik im Auftrage des
Grofsh. Bad. Ministeriums der Justiz, des Kultus und
Unterrichts und in Verbindung mit Dr. J. Durm und
Geh. Hofrath Dr. E.Wagner herausgegeben von Geh.
Hofrath Dr. Fr. X. Kraus, Professor in Freiburg und
Gh. Konservator der kirchlichen Alterthümer. III. Bd.:
Die Kunstdenkmäler des Kreises Waldshut.
Beigabe: Atlas, enthaltend 12 Tafeln in gr. Folio.
(Schatz von S. Blasien jetzt in S. Paul.) Freiburg 1892,
J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). 178 Seiten.
Auch der III. Band dieser mustergültig angelegten
und mit grofser Sorgfalt durchgeführten Statistik der
Kunstdenkmäler Badens bringt dem Kunstfreund
wieder eine reiche Fülle kunstgeschichtlich, kunsttech-
nisch und kunstgewerblich hochbedeutsamen Materials
aus dem Kreise Waldshut mit den Aemtern Bonn-
dorf, Säckingen, Sankt Blasien und Waldshut. Der
beschreibende Text berücksichtigt auch die kleineren,
sonst noch immer gar zu oft unbeachtet bleibenden
Eigenheiten der Denkmäler, wie Steinmetzzeichen bei
den Bauten, Beschauzeichen und Marken bei Silber-
geräthen u. s. w. Wie nothwendig die Inventarisirung
namentlich auch der beweglichen Kunstdenkmäler ist,
ergibt sich aus der S. 56 festgestellten Thatsache, dafs

ein altes Mefsgewand aus reich gemustertem und farben-
prächtigem sogen, sassanidischem Gewebe noch in aller-
neuester Zeit verschnitten und zur Ausstaffirung neuer
Mefsgewänder (für Kaselstäbe und Stola) verwendet,
zum Theil gar durch den Mefsner der Kirche an Rei-
sende verkauft werden konnte ! Solchem Unfug wird
durch unsere jetzt überall im Entstehen begriffenen
Denkmäler-Statistiken hoffentlich für immer vorgebeugt.
Besonders dankbar mufs man dem Herausgeber
dafür sein, dafs er den hochberuhmten Kirchenschatz
von S. Blasien, den die Benediktiner bei der Säku-
larisation ihres Klosters nach S. Paul in Kärnten rette-
ten und aus welchem bisher schon einzelne Stücke von
verschiedenen Seiten beschrieben und theilweise ab-
gebildet wurden, hier im Zusammenhange beschreibt
und in grofsen Abbildungen veröffentlicht. Die letz-
teren sind auf 12 grofsen Tafeln zu einem Atlas ver-
einigt, der die herrlichen Kunstdenkmäler des XI. bis
XIV. Jahrh. in ungemein deutlicher und scharfer Wieder-
gabe zeigt, und dessen Herstellung der Kunstanstalt von
Carl Wallau zur Ehre gereicht. Aus kunstgewerblichen
Gründen hätten wir übrigens gewünscht, dafs, wie von
der getriebenen silbernen Votivtafel, so auch von den
reich gestickten romanischen Kasein des XII. und XIII.
Jahrh. und von dem Pluviale des XIII. Jahrh. wenigstens
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