Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST _ Nr. 9.

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wohl der kostbarste Punkt dieser Dekoration,
welche durch vier translucide, vielfarbig email-
Hrte Thierfiguren, nach Art eines Originales in
St. Ursula hier noch gesteigert wird. Frei aus
der Tiefe des Schultertuches wächst der Kopf
heraus. Derselbe ist, wie der Brusttheil, aus
zwei Hälften getrieben und ich habe mich be-
müht, die hervorstehendsten Theile desselben
nicht zu dünn werden zu lassen. Allen Fleifs
wendete ich auf, um dem Kopfe einen monu-
mentalen Charakter zu geben durch scharfes
Profil und feste Linien der Gesichtsfalten u. s. w.
Auch den Haaren widmete ich viele Sorgfalt und
hat das Ciseliren des Gesichtes und der Haare,
nachdem diese Theile vom Hammer sehr klar
getrieben waren, doch noch ca. vier Wochen in
Anspruch genommen.

Die Bischofsmütze, in den strengen Formen
der gothischen Periode durchgeführt, war wohl
der bequemste Theil der Arbeit. Auch die Deko-
ration der Borte und des Mittelstabes ist, wenn-
gleich sehr wirkungsvoll, so doch verhältnifs-'
mäfsig einfach. Die Ciselirung der Fläche nach
einem alten Stoffmuster ist von besonders glück-
licher Wirkung.

Die koloristische Ausstattung des Ganzen
hat sich auch als günstig herausgestellt: Löwen
und Untersatz, Pallium und Parura sind ver-
goldet, desgleichen die Haare, dann die Deko-
ration der Mitra und das Futter derselben sowie
die Einfassung und die Ränder. Die Ciselirung

der Brust und der Mitra ist theilweise matt, theil-
weise polirt, das Schultertuch mit seinen reichen
Falten ganz polirt, das Gesicht matt-weifs ge-
halten. Die Mitra läfst sich abheben, nachdem
der Siegelverschlufs, womit auch die Reliquie
heute oder morgen versehen sein wird, hinter den
Fransen der Bänder gelöst ist. Im Futter der
Mitra ist eine verschliefsbare Oeffnung angebracht
zum Anrühren von Devotionalien an das Heilig-
thum, ohne dafs die Siegel gelöst zu werden
brauchen. Auch läfst sich der Untersatz öffnen
und die Oeffnung durch Siegel verschliefsen.

Schliefslich erübrigt mir noch, meiner Freude
Ausdruck zu geben darüber, dafs es mir ver-
gönnt war, gerade eine derartige Arbeit ganz im
Geiste der alten Meister auszuführen und dafs
ich zu keinerlei Hilfsmittel, wie Abgiefsen des
Modells, Ueberschlagen desselben u. s. w., welche
die Alten nicht kannten und die auch eines
Meisters der Neuzeit unwürdig erscheinen, meine
Zuflucht nehmen mufste. — Aufserdem spreche
ich meinem Besteller meinen tiefgefühlten Dank
für das Vertrauen aus, mit welchem er mir die
Arbeit übertrug, zugleich den Wunsch, es möge
diese gothische Büste selbst in seiner pracht-
vollen Rokokokirche beweisen, dafs gothische
Arbeiten neben den die höchste technische Voll
endung des Kunsthandwerks vielfach darstellen-
den Leistungen des Rokoko auch in Bezug auf
Technik vollauf sich zu behaupten vermögen.

Köln. Gabriel Hermeling.

Alter Taufstein zu Seligenthal.

Mit Abbildung.

m II. Jahrgange dieser Zeitschrift
(Sp. 351) brachte ich den in der
Pfarrkirche zu Geistingen a. d. Sieg
befindlichen Taufstein zur Veröffent-
lichung. Derselbe gehört dem Anfang des XIII.
Jahrh. an und zeigt die besonders für die Rhein-
gegenden typische Form, bei der das als Halb-
kugel gebildete Becken in der Mitte von einem
kräftigen Ständer, an der Peripherie von — oft
vier, meist aber sechs und nur ausnahmsweise
acht — dünnen Säulchen getragen wird. Wenn
man der Ueberlieferung Glauben schenken darf,
so hat dieser Taufstein einen Vorgänger besessen,
der noch bis zu Anfang unseres Jahrhunderts
in Geistingen selbst aufbewahrt, dann aber nach
Seligenthal überbracht worden ist. Ob derselbe

dort als Taufstein in Benutzung gekommen ist,
habe ich nicht festzustellen vermocht; gegen-
wärtig ist er im Pfarrgarten tief in den Boden
versenkt, wo er als Wasserbehälter dient. Bei
Gelegenheit der von mir vorgenommenen Auf-
nahme der Kirche zu Seligenthal1) habe ich den
Stein soweit freilegen lassen, als erforderlich
war, um denselben in der hier mitgetheilten
Abbildung zur Anschauung zu bringen.

Sie zeigt den Taufstein in der am Rhein
so selten vorkommenden Gestalt eines vollen,
nicht verjüngten Cylinders. Derselbe mifst 0,82;«
in der Höhe; sein äufserer Durchmesser beträgt
1,23;«, sein innerer 0,97;«, die Wandstärke

1) Vgl. hierzu: IV. Jahrg. dieser Zeitschrift Sp. 43 ff.
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