Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 3.

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Gothisch oder Romanisch?

(Briefe an einen Freund.)
Sechster Brief,
ieber Freund, ich gehe nun kurz auf
die Einzel-Vorschläge des Herrn
Krings ein.

1. „Eine Kirche, die von weitem

gesehen werde, z. B. eine Wallfahrtskirche auf ein-
samer Höhe oder eine Kathedrale in der Stadt,
werde — so meint er — besser gothisch gebaut
wegen der scharf und kräftig wirkenden Sil-
houette ; für eine Kirche zweiten Ranges dagegen,
die nicht in weiter Ferne zur Geltung komme,
sondern nur von verhältnifsmäfsig nahem Stand-
punkte betrachtet werde, sei romanische Aus-
führung ebenso berechtigt." — Ich frage: wa-
rum ebenso berechtigt? Bios deshalb, weil hier
eine kräftig wirkende Silhouette nicht nöthig er-
scheint? Ist die wirksame Silhouette denn der
einzige Vorzug der Gothik? — Sogleich spricht
der Verfasser von den zierlicheren Gliederungen
des gothischen Stils, ich sollte darum meinen:
wie in der Ferne durch seine kräftige Umrifs-
zeichnung so müfste in der Nähe der gothische
Stil sich durch die Zierlichkeit seiner Gliede-
rungen, die geistreiche Verschlingung der Mafs-
werke, die doch in der Nähe beschaut sein wollen,
ferner durch die lebhafte Unterbrechung der
Flächen durch Strebepfeiler u. s. w. ganz be-
sonders vor dem romanischen mit seinen ein-
förmigen Wandflächen empfehlen. Je näher
etwas gesehen wird, desto feiner und reicher
darf es doch in seinen Einzelheiten sein.

2. „Wenn man nur rohes Ringofen- oder
Feldbrandmaterial zur Verfügung habe, sei eine
romanische, etwas hübsch gruppirte Kirche einer
gothischen mindestens gleichberechtigt." — Ich
meine, das sei mindestens eine kühne Behaup-
tung. — Warum denn? Kann eine gothische
Kirche nicht hübsch gruppirt werden? Oder ist
die Gothik nicht anwendbar bei rohem Ziegel-
material? — „Die Gothik, antwortet der Ver-
fasser, ist doch auf Werksteine für Mafswerke,
Abdeckungen, Gesimse u. s. w. angewiesen, und
diese verlangen wieder neben sich ein besseres
Flächenmauerwerk, wenn sie mit ihren zierlichen
Gliederungen recht wirken sollen." — Diese
Art der Beweisführung ist durchaus irreleitend.
Eine reiche gothische Steinarchitektur wird
einem romanischen Bau ohne Werkstein gegen-
übergestellt. Oder glaubt der Verfasser wirklich,

die gothische Konstruktion sei nicht anwendbar,
wenn man nicht reichgeschnittene Gesimse und
verwickelte Mafswerke zur Verfügung habe. Das
würde doch eine völlige Verkennung ihres
Wesens sein. Weshalb sollte denn bei strenger
Durchführung der Massengliederung, bei der
Herstellung des Gleichgewichts durch gegen-
seitiges Stützen z. B. ein Gesims eher von Stein
sein müssen als beim romanischen Massenbau?
Oder weshalb sollte man die Vorzüge der Kon-
struktion alle aufgeben, wenn man etwa nicht
in der Lage wäre, steinerne Mafswerke in die
Fenster zu setzen? An und für sich bedarf
die Gothik der Werksteine in keinem höhern
Grade als der romanische Stil. — Aber selbst
wenn der Stein angewendet werden kann, dann
ist es noch nicht durchaus nothwendig, die
Gliederungen so zierlich und fein zn machen,
dafs rauhes Flächenmauerwerk einen unange-
nehmen Mifsklang gegen sie bilden müfste. Die
Harmonie in der Behandlung der Bautheile
ist ein Gesetz der Gothik, darum wird man in
solchem Falle die Gliederungen mehr grofs und
kraftvoll, als zierlich halten. Sehen Sie doch
nur auf so manche mittelalterliche Bauten von
vortrefflicher Wirkung in denen die ganze Sockel-
gliederung nur eine Schräge, die ganze Gesims-
gliederung eine tiefe Kehle ist. Wenn irgend
ein Stil auf den Reichthum der Einzelbildungen,
der ihm möglich ist, verzichten kann, dann ist
es die Gothik, weil sie mehr als irgend ein
anderer Stil wesentlich Konstruktion und nicht
so sehr Zierform ist. Das ist eben ein hervor-
ragender Zug dieser Bauweise, dafs sie gerade
in Folge ihrer Beherrschung der Materie sich
allen Verhältnissen anpassen kann. — Ueber-
dies ist nicht einzusehen, warum bei der mar-
kigen Gliederung durch Strebepfeiler, welche
die Bedeutung der Flächen sehr herabmindert,
ein rauhes Material in letzteren störender sein
sollte als bei den schwachen, kaum angedeuteten
Eintheilungen romanischer Mauern, bei denen
die Flächen als solche doch bedeutend mehr
hervortreten. Uebrigens könnte auch hier wieder
die Massenersparnifs (o weh! ich vergesse immer
wieder das Walzeisen) bei gothischer Konstruk-
tion leicht die Anwendung eines etwas bessern
Materials zur Ausführung der Aufsenflächen
gestatten.
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