Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZELTSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 3.

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3. Unbegründet ist auch die Ansicht, als
liefsen sich die Elemente des romanischen Stils
leichter in Ziegel umformen, als die des go-
thischen. Eine solche Umformung ist über-
haupt nicht nöthig. Die Gothik behandelt Ziegel
als Ziegel und es bleibt ihr immer noch Spiel-
raum genug, um nicht nur ihr architektonisches
Prinzip in der ganzen baulichen Anordnung,
sondern auch in der Zusammensetzung kräftig
schattirender Zierglieder, z. B. Gesimse, zu be-
thätigen. Freilich werden die Ziegelbauten im-
mer einfacher bleiben müssen und nicht die
höchste Ausbildung, deren die Gothik fähig ist,
zur Anschauung bringen, es wird auch die For-
mensprache der beiden Stile sich im Ziegelbau
nicht so weit von einander entfernen als im
Werksteinbau — aber das ist doch in der That
kein Grund das unvollkommenere romanische
Bausystem noch als gleichberechtigt anzusehen.

4. Eine Schwäche des gothischen Stils dem
romanischen gegenüber sieht der Verfasser darin,
dafs die feinen Gliederungen desselben leichter
verwittern, wenn man kein gutes Material hat.
Nun wohl, wenn man kein gutes Material hat,
läfst man die feinen Gliederungen beiseite. Ich
erlaube mir aber hier, Sie darauf aufmerksam
zu machen, dafs alle bisherigen Einwürfe gegen
die Alleinberechtigung der Gothik, wenn sie
überhaupt begründet wurden, nur auf solche
Dinge gestützt wurden, die das Wesen und den
Kern der Sache gar nicht berühren. Es blickt
da immer wieder die Anschauung durch, als ob
man nicht richtig gothisch bauen könne, ohne
einen Wald von Fialen, reich profilirten Ge-
wänden, Mafswerken u. dergl. Mufs denn jede
Dorfkirche ein Dom sein? Ein grofser Redner,
der seine Sprache vollkommen beherrscht, wird
nicht immer in verwickelten Perioden und glän-
zenden Bildern sprechen und trotzdem die Ge-
walt, die er über die Sprache hat, stets zur
Geltung bringen. Ebenso wird der Vorzug der
Gothik auch im geringsten Kirchlein sich zeigen.

5. Kleinlich erscheint der Vorwurf, die Go-
thik bringe ihre feinen Bildhauerarbeiten gerade
an solchen Stellen an, die dem Wetter am mei-
sten ausgesetzt seien, während im romanischen
Stil dies nur an geschützten Stellen, wie den
tiefen Portalnischen geschehe. Der Vorwurf ent-
spricht nicht den Thatsachen. Denn die Kreuz-
blumen und Krabben auf den Giebeln, auf die

der Verfasser hinweist, sind keine „feinen" Bild-
hauerarbeiten, sondern müssen schon recht kräftig
gehalten sein, um in der Höhe wirken zu kön-
nen, und sind darum der Verwitterung wohl
kaum mehr unterworfen, als zartes Laub- oder
Bildwerk an Westportalen. Auch ist es nicht
richtig, dafs die Gothik die dem Wetter ausge-
setzten Stellen eher ziert als andere, und wenn
ein moderner Architekt, der gothisch bauen will,
einem sonst ganz schmucklosen Gebäude Kreuz-
blumen und Krabben glaubt aufsetzen zu müs-
sen, so darf man diese Verirrung des einzelnen
Mannes doch nicht dem Stile als solchen zu-
rechnen.

G. Der Herr Verfasser möchte die Wahl des
Stiles von dem Stil der bestehenden benach-
barten Kirchen abhängig machen. Wenn in
einem Dorf schon eine gothische steht, solle
man ins Nachbardorf eine romanische setzen.
Ebenso sei in einem Arbeiterviertel der gothi-
schen Mutterkirche gegenüber eine romanische
Filialkirche angemessener. Als Grund wird aufser
bereits besprochenen Dingen angeführt, dafs
dann kein Anlafs zum Vergleichen des Neu-
baues mit der alten ehrwürdigen Kirche gege-
ben sei; ferner: es werde bei geringen Mitteln
doch „im günstigsten Falle nur eine moderne
gothische Dutzendkirche herauskommen". Und
was käme dann im „günstigsten Falle" beim
romanischen Stil heraus? — Den Anlafs zum
Vergleichen will der Verfasser aus Pietät gegen
die Mutterkirche vermieden sehen; damit scheint
er aber selbst zuzugeben, dafs seine romanische
Kirche weit hinter der gothischen Dutzendkirche,
die doch noch immer sich in Vergleich stellen
dürfte, zurückstehen wirdi — Darum schlägt
er denn vor, es möge ihr durch Freskomale-
reien aufgeholfen werden. Dieser letztere Vor-
schlag könnte beinahe die Vermuthung nahe-
legen, der Verfasser habe niemals von den
grofsen Kosten der Ausmalung einer romani-
schen Kirche gehört.

Der Hauptgrund ist dem Verfasser aber offen-
bar die Abwechslung. Der Abwechslung
halber sollen wir also zwei Stile als gleichbe-
rechtigt nebeneinander anwenden. Das ist eine
Sache von grundsätzlicher Wichtigkeit, die eine
eingehendere Würdigung verdient. Darüber
also ein andermal. (Schlufs folgt.)

Essen. J. Prill.
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