Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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Mittelrheinisches Seidengewebe mit Inschrift aus der Mitte des XVI. Jahrh.

Mit Abbildung.

15 bis 16 cm messende Breite, welche das

nsere Kenntnisse von der Herkunft
der mittelalterlichen Seidengewebe
fufsen noch auf sehr unsicherem
Grunde. Wohl sind uns die Namen
von Städten überliefert, in denen bald im Dienste
fürstlicher Prachtentfaltung, bald im Dienste des
Handels die Seidenweberei in Blüthe stand; aber
die zahllosen Muster alter Seidengewebe, welche
uns in Kirchenschätzen überliefert sind und in
öffentlichen Sammlungen bewahrt werden, lassen
sich doch nur ganz allgemein auf ihren Ursprung
ansprechen. Nur in wenigen Fällen ist es bis
jetzt gelungen, dies oder jenes Stück auf eine
bestimmte Werkstätte zurückzuführen. In Folge
gleichmäfsiger Nachfrage der christlichen Kirchen
nach Seidengeweben für die liturgischen Gewän-
der sind diese Gewebe über alle Länder, welche
am Weltverkehr des Mittelalters Theil hatten,
gleichmäfsig verstreut, so dafs örtliche Ver-
dichtungen ihres Vorkommens als Wegweiser
für die Stätten ihrer Entstehung nicht ins Ge-
wicht fallen. Auch hinsichtlich des Ursprunges
der Seiden- und Sammetgewebe des XVI. und
XVII. Jahrh. bewegen wir uns auf unsicherem
Boden und begnügen uns mit Andeutungen des
Ursprunges, für welche wir den Beweis zu führen
nicht vermögen, mit Andeutungen von so all-
gemeiner Art, wie wir sie auf anderen Gebieten
kunstgewerblicher Alterthümer nicht zulassen
würden.

Bei den Bemühungen, sichere Anhaltspunkte
für den Ursprung der Gewebe zu finden, fallen
die eingewebten Inschriften entscheidend ins
Gewicht. Eine solche Inschrift eines im Be-
sitze des Hamburgischen Museums für Kunst
und Gewerbe befindlichen Seidengewebes des
XVI. Jahrh. hat Anlafs zu einer Untersuchung ge-
geben, deren Gang und Ergebnifs wir hier mit-
theilen. Das Gewebe ist ein leichter einfarbiger
Seidendamast; die Abbildung zeigt das Muster
in halber Gröfse, ergänzt aus zwei von verschie-
denen Streifen stammenden Bruchstücken, von
denen das eine rein weifs ist, das andere ur-
sprünglich roth war.1) Beide Bruchstücke wurden
in Aachen erworben. Auffällig ist die geringe,

x) Auch der Herausgeber dieser Zeitschrift besitzt
Bruchstücke eines in Bezug auf Musterung und Stück-
breite identischen Gewebes, welches jedoch das Muster
ockergelb in dunkelviolettem Grunde zeigt.

nur

Gewebe als ein breites Band erscheinen läfst.
Um die eingewebte Inschrift

„Sich voor dich
Trow is weinich"

für sich allein, unbeeinflufst von dem Orte der
Auffindung und von anders begründeten Muth-
mafsungen über den Ort der Entstehung ent-
scheiden zu lassen, wurde sie ohne weitere
x-\ndeutungen Herrn Dr. C. H. F. Walther, wel-
cher das Hamburgische Museum in germa-
nistischen Fragen zu berathen die Güte hat,
unterbreitet.

Herr Dr. Walther hat eine gründliche Unter-
suchung über das Sprichwort angestellt und eine
Fülle literarischer Nachweise mitgetheilt. Wir
beschränken uns hier darauf, einige der wich-
tigsten dieser Nachweise wiederzugeben, welche
Herrn Dr. Walther eben dahin geführt haben,
wohin unsere Vermuthungen die Entstehung
dieses Seidengewebes wiesen — ein Zusammen-
treffen, welches gewifs Beachtung verdient und
zu weiteren Entdeckungen führen wird.

Sprüche, welche den Gedanken des Spruches
unseres Seidengewebes ausdrücken, kommen
häufig vor. Meistens steht jedoch an Stelle des
„weinich" d. h. wenig, selten das Wort „mifs-
lich", d. h. ungewifs.

Schon in Sebastian Brants ca. 1494 gedruck-
tem »Narrenschiff«, 69, 22, findet sich der Ge-
danke in folgender Fassung:

„truw yedem wol, lug doch für dich,
dann worlich, truw ist yetz miszlich".
Joh. Agricola gibt ihn 1529 in seinen «Drey
hundert Gemeynen Sprichwörtern« Nr. 15:

„Sihe für dich, trew ist miszlich".

Ebenso findet er sich unter Nr. 251 in den
Seb.Franck zugeschriebenen »Siebenthalbhundert
Sprichwörtern«, gedruckt 1532 zu Frankfurt und
inSeb.Francksl541 ebendortgedruckten »Sprich-
wörtern«.

In der 1562 zu Frankfurt a. M. gedruckten
Ausgabe von »Reynike Vosz de Olde« findet er
sich in folgendem Znsammenhang:
„Justicia is geslagen dodt,
Veritas licht in groter not,
Fallacia ys gebaren,
Fydes hefft den stridt verlaren:
Darumme sich vor dich,
Dan de truwe ys miszlich".
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