Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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Geburt Christi die Illustration zum 3. Glaubens-
artikel: „Der empfangen ist vom hl. Geist,
geboren aus Maria der Jungfrau." Als Illustra-
tion des 2. Glaubensartikels: „Und an Jesum
Christum, unsern Herrn" galt die Erscheinung
der Engel vor den Hirten nnd der Stern mit
den anbetenden Königen. Zum 4. Glaubens-
artikel, der Christi Leiden umfafst, leiteten die
Flucht und die Beschneidung über. Später ge-
wannen die Marienfeste höhere Bedeutung. Die
Verkündigung wurde dadurch in vielen Fällen
eine der Szenen des immer mehr erweiterten
Cyklus des Marienlebens. Hier in St. Zeno steht
sie noch in der Erzthüre und in den Marmor-
reliefs an der Spitze des christologischen Cyklus.
Die Fassade von St. Zeno pafst so recht in
den Rahmen, welchen das Bild des alten Verona
in der Erinnerung des Reisenden zurückläfst.
Wohl hat die Stadt bemerkenswerthe gothische
Denkmäler, aber einen frischen und frohen, einen
lichten und hohen Eindruck vermögen sie nicht
zu geben. Von Alterthum und vergangenerGröfse
reden das trümmerhafte Amphitheater wie die

auf so engen ungünstigen Raum zusammen-
gepferchten Denkmäler der Skaliger, die anders-
wo und bei günstiger Aufstellung, besonders
im Innern eines gröfsern Baues Effektstücke
ersten Ranges geworden wären. St. Zeno, wohl
der stattlichste romanische Bau Oberitaliens,
erhebt sich stattlich und frei vor einem grofsen
Platz zwischen kleinen Häusern und Häuschen.
Stolz steigt sein Thurm auf, reich ist sein Inneres,
aber seine Fassade übertrifft an mafsvollem Ernst
und verschwenderischer Fülle alles andere.
Doppelt anziehend ist sie, weil sie der alten
deutschen Heldensage, worin dies Bern eine
solche Rolle spielt, nicht vergifst, das Alte wie
das Neue Testament in so geistreicher Weise
verbindet und in den Erzthüren gleichwie in
den Basreliefs der Fassade die ersten Schritte
und die ersten Erfolge der erneuerten Plastik
zeigt, welche nach zwei bis drei Jahrhunderten
in Florenz zu einer Höhe aufsteigen sollte, wie
die christliche Kunst Italiens sie anderswo kaum
je sah.

Exaeten. Sleph. Beisse] S. J.

B ü c h e r s c h a u.

Die mustergiltigen Kirchenbauten des Mittel-
alters in Deutschland. Geometrische und photo-
graphische Aufnahmen nebst Beispielen der originalen
Bemalung. Unter Mitwirkung von O. St iehl, H. Här-
tung u. A. herausgegeben von Carl Schäfer, Pro-
fessor an der König], technischen Hochschule zu Berlin.
Berlin 1892, Verlag von Ernst Wasmulh.
Von diesem grofs angelegten Werke, welches „ein
Archiv von Aufnahmen der baugeschichtlich und künst-
lerisch bemerkenswerthesten (romanischen und gothi-
schen) Monumente aus allen deutschen Landen werden
soll", liegen zwei Grofsfolio-Lieferungen vor,
welche auf 12 Druckseiten und 23 Tafeln hauptsächlich
frühgothische Bauwerke behandeln, nämlich die Stifts-
kirchen in Wetzlar und Wetter, die Stadtpfarrkirche
in Treysa (eine Ruine) und die Klosterkirche in
Berlin. Photographie und Zeichnung ergänzen sich
in ganz vortrefflicher Weise für die Darstellungen,
welche die Bauwerke ihrer späteren störenden Zuthaten
entkleidet zeigen und daher die Rekonstruktionen
wesentlich erleichtern. Dafs den Resten der Bemalung
besondere Aufmerksamkeit geschenkt, von ihnen sogar
farbige Wiedergabe geboten wird, ist ein besonderer
Vorzug, der um so höher anzuschlagen, als gerade auf
dem Gebiete der Kirchenpolychromie die Nachlassen-
schaft des Mittelalters noch viel zu wenig festgestellt,
daher das Wirrsal recht arg ist. Der Text beschränkt
sich auf eine kurze Beschreibung und kunstgeschicht-
liche Erklärung der einzelnen Anlagen unter Angabe

und Begründung der vorgenommenen Ergänzungsver-
suche. Er ist sehr klar und bestimmt, dazu so anregend,
dafs eine umfänglichere Fassung desselben wohl Jedem
willkommen wäre. Das Werk mufs daher mit gröfster
Anerkennung und Freude begrüfst werden als ein von
bewährtester Hand gebotenes vorzügliches Hilfsmittel,
„aus der glanzvollen Fülle älterer deutscher Kirchen-
bauten das Beste" in ganz zuverlässigen Aufnahmen zu
erhalten, um es gründlich studiren und praktisch ver-
werthen zu können bei der Weiterentwickelung der leider
wieder in's Stocken gerathenen bezw. vielfach verfahre-
nen mittelalterlichen, vor allem gothischen Bauweise. Da
diese dem Verfasser so geläufigen praktischen Gesichts-
punkte von besonderer Wichtigkeit sind, so kommt
auf deren Berücksichtigung in Aufnahmen und Erklä-
rungen sehr Vieles an. Möge das Werk nur bei den
Kirchen-Baumeistern und -Bauherren allgemeine Auf-
nahme finden, damit es den Nutzen auch wirklich zu
schaffen vermag, zu dem es alle Vorbedingungen im
ausgiebigsten Mafse bietet! B.

Sieben Meisterwerke der Malerei mit einer
prinzipiellen Erörterung über den Einilufs des Christen-
thums auf die Kunst, von Franz Bole, Geistl.
Rath und Professor in Brixen. Mit 9 Bildern in Licht-
druck. Brixen 1893, Verlag von A. Weger.
Diese von wärmster Begeisterung für die christliche
Kunst durchwehte Studie zerfällt in drei Theile, von
denen der erste einen vorwiegend philosophischen, der


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