Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 6.

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Die Propsteikirche zu Oberpleis.

Mit 7 Abbildungen.
[IL Propsteikirche in die zweite Hälfte des XII.

Jahrh. Um so auffallender ist deshalb die hier
auftretende bewufste und sorgfältig durchdachte
Anwendung des die Mauerflächen auflösenden
und die Last in einzelne Punkte zusammen-
fassenden gothischen Konstruktionssystems. Die
Säulenstellungen der einzelnen Felder sind ledig-
lich dekorativer Natur: die Last der Oberwand,
der Gewölbe-Druck und -Schub sind auf einzelne
Punkte übertragen, deren Ausbildung als Strebe-
pfeiler unzweideutig bekundet, wie der Bau-
meister sich des von ihm zur Anwendung ge-
brachten konstruktiven Systems voll und klar
bewufst war.

In dieser Hinsicht nimmt der Kreuzgang
von Oberpleis eine noch höhere Stufe ein als der
des Münsters zu Bonn.1) Von dem Bonner Kreuz-
gang sind drei Flügel erhalten, die in der Bil-
dung indefs nicht untereinander übereinstimmen.
Der Strebepfeiler tritt dort an dem Ost- und
Westflügel auf; an dem letzteren werden auch
die Arkaden von einem gemeinsamen Rund-
bogen überspannt, was bei dem Ostflügel nicht
der Fall ist; wesentlicher aber ist, dafs das Ge-
wölbe in der Form der LIalbtonne gebildet ist.
Der Gedanke, die Last auf einzelne Knoten-
punkte zu übertragen und dort durch kräftige
Widerlager abzufassen, dieser Kernpunkt des
gothischen Konstruktionssystems, ist somit dort
nicht in seiner Konsequenz durchgeführt; die
Strebepfeiler wirken als Verstärkungsglieder der
Mauer. Anders in Oberpleis, wo das Kreuz-
gewölbe angewendet und das Konstruktions-
system durchaus dem Grundprinzip der Gothik
entspricht.

Für die oben angegebene Baudatirung spricht
die Aehnlichkeit des Kreuzganges von Ober-
pleis mit dem von Bonn. Dieselbe ist eine
so grofse, dafs ein Zusammenhang nicht aus-
geschlossen werden kann. Dafs das mächtige
Cassiusstift für Oberpleis als Vorbild gedient
hat, und nicht umgekehrt, ist schon von vorn-
herein anzunehmen; die gröfsere konstruktive
Gereiftheit bekundet aber aufserdem auch, dafs
der Architekt von Oberpleis von dem zu Bonn
gelernt hat, wenn es nicht vielleicht ein und

u den nicht gerade allzu zahlreichen
Kirchen der romanischen Zeit, wel-
che, \venn auch nur einen Theil ihrer
alten Kreuzganganlage auf die
Jetztzeit gerettet haben, gehört auch Oberpleis.
Erhalten ist, wie die Grundrifszeichnung (Fig. 5)
zeigt, der Westflügel, ausschliefslich des Eck-
joches, welches diesen ehedem mit dem Südflügel
verband. Reste der Innenmauer des ehemaligen
Südflügels sind indefs in der dort jetzt als Ab-
schlufs dienenden Mauer noch wohl erkennbar.
Der erhaltene Westflügel besteht aus fünf Jochen,
die im Aeufsern durch Strebepfeiler voneinander
geschieden sind. Jedes Joch ist durch zwei Säul-
chen getheilt; auf ihnen setzen Rundbögen auf,
deren Scheitel in gleicher Höhe liegen; über
ihnen spannen sich im Aeufsern wie im Innern
konzentrische, 15 cm vorspringende Bögen, die
seitlich auf den Wandvorlagen, über den Säulen-
kapitellen auf Konsolen ruhen. Indem dieselben
die Fassade kräftig beleben, ermöglichen sie
zugleich die Erzielung einer genügenden Mauer-
stärke, welche durch die der Deckplatte der
Kapitelle gegebene oblonge Form allein nicht
völlig erreicht werden konnte. Im Innern, wel-
ches im Uebrigen der äufseren Wandanordnung
analog gestaltet ist, bildet der Putz oberhalb
dieses Bogens noch einen zweiten konzentri-
schen Bogen, der aber nur um 1 cm vor die
Wandfläche vortritt.

Das Innere ist gewölbt. Die Gewölbe sind
die einfach romanischen, ohne Stich und ohne
Rippen. Sie sind — mit einer Ausnahme —
zwischen Gurtbögen eingezogen, welche sich
beiderseits auf Halbsäulen stützen, die den Wän-
den vorgelegt sind. Die Säulen-Arkaden der
Aufsenwand sind mit kräftigen, in der Mauer-
fläche liegenden Rundbögen überspannt, die den
Zweck haben, die Last des aufgehenden Mauer-
werkes von den Säulchen weg auf die Haupt-
stützen zu übertragen. Dieselben haben auch den
Schub der Gurtbögen und Gewölbe aufzuneh-
men. Diesem wird in einem schräg anlaufenden
Strebepfeiler ein kräftiges Widerlager entgegen-
gesetzt. Der ganze Baucharakter des Kreuz-
ganges, alle seine stilistischen, der Blüthezeit
der romanischen Kunst entsprechenden Einzel-
heiten weisen ihn als Schlufsglied des Baues der

!) Vgl. Effmann «DerKreuzgang an der Münster-
kirche zu Bonn« Deutsche Bauztg. 1890, Nr. 40, S. 237.
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