Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 11.

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Die elektrische Beleuchtung der Kirchen.1)

Kirchen am Abend oder während der Nacht
auch eine gewisse Feierlichkeit der Beleuchtung

n Bezug auf die Einführung des
elektrischen Lichtes in die Kirchen
(speziell in den St. Stephansdom zu
Wien) mögen folgende Erwägungen

als kleiner Beitrag zu dieser schwierigen Frage

gestattet sein:

1. Zu den erhabenen Geheimnissen, welche
in der katholischen Kirche gefeiert werden,
steht das grelle Licht in einem gewissen Wider-
spruche. Deswegen hat das Mittelalter die ein-
fallenden Sonnenstrahlen durch die Glasgemälde
sich brechen lassen, die nicht nur die Fenster
durch heilige Darstellungen beleben, sondern
vor Allem das helle Tageslicht dämpfen, „das
Dämmerlicht des Glaubens" in ihr verbreiten
sollten. Wo dieses gedämpfte Licht den from-
men Besucher empfängt, fühlt er sich sofort von
der Heiligkeit des Ortes ergriffen, und einzelne
Kirchen, in denen dieses Licht als eine Erb-
schaft des Mittelalters in besonderer Intensivität
sich erhalten hat, wie die Dome von Freiburg
und Strafsburg, verdanken ihm ein gutes Stück
ihrer überwältigenden Wirkung.

2. Auch das künstliche Licht wird daher nur
in einer gewissen Beschränkung in die Kirche
Eingang finden dürfen. So lange als dieses nur
durch Kerzen, Oel und selbst durch Gas be-
werkstelligt werden konnte, war für diese Be-
schränkung schon durch die natürliche Unzu-
länglichkeit dieser Beleuchtungsmittel gesorgt.
Seitdem aber die Elektrizität volle Tageshelle
zu erzeugen vermag, ist es angezeigt, an die
Nothwendigkeit dieserBeschränkung zu erinnern.
Und dieses um so mehr, als andere öffentliche
Räume, wie Theater, Tanzsäle, Gesellschafts-
und Geschäftslokale den Triumph der elektri-
schen Beleuchtung in vollstem Mafse ausnutzen.
In diesen weltlichen Räumen kommt eben Alles
auf Lichteffekte an, die aus der Kirche fern-
gehalten werden müssen, wie Alles, was zu den
sinnverwirrenden Zaubermitteln des Theaters
gehört, selbst wenn an dieses einzelne Kirchen
aus der Barock- und Zopfzeit stark erinnern
sollten.

3. Trotzdem läfst sich nicht leugnen, dafs
besondere feierliche Veranstaltungen in den

]) Diese kleine Studie, zu der vor Kurzem die
Anregung von Wien erging, wird hier auf Veranlassung
einiger Freunde, denen sie nachträglich vorgelegt wurde,
in der ursprünglichen Fassung mitgetheilt. V. V.

erfordern und zwar nicht nur, um allen An-
wesenden den Gebrauch des Gebetbuches zu
ermöglichen, sondern ganz vornehmlich, um das
Innere der Kirche selbst in seiner architekto-
nischen Gestaltung und malerischen Ausstattung,
wie in seinem speziellen Festschmuck zur Gel-
tung zu bringen. Es ist nicht zu verkennen,
dafs manche (grofse) Kirchen bei spärlicher Be-
leuchtung einen unheimlichen Eindruck machen
und die in tiefste Schatten getauchten Gewölbe
nicht geeignet sind, das Gemüth zu erheben und
festliche Empfindungen zu wecken. Deshalb hat
selbst das frühere Mittelalter es nicht an Vor-
richtungen fehlen lassen, um grofse Kirchen
auch in glänzender Weise zu beleuchten. Die
großen Radleuchter in Aachen, Hildesheim,
Komburg, die sich aus der romanischen Periode
erhalten haben, sind beredte Zeugen dieses Be-
dürfnisses und die Wirkung, die sie nach oben,
unten und ringsum ausgeübt haben, mufs eine
gar feierliche, für die damaligen beschränkten
Beleuchtungsverhältnisse eine geradezu phäno-
menale gewesen sein. Das aus der Höhe, aus
dem himmlischen Jerusalem, welches diese Rad-
leuchter symbolisch darstellten, herabfluthende
Licht war so recht geeignet, eine weihevolle
Stimmung hervorzurufen. Die Lichtwirkung von
einem Orte, von dem Mittelpunkte des ganzen
Gebäudes, aus dem es sich nach allen Rich-
tungen hin ergiefsen konnte, mochte als ein
Reflex des überirdischen, des ewigen Lichtes
erscheinen.

4. Diese Beleuchtung von einem Punkte
(Kuppel resp. Vierung) aus genügte später nicht
mehr. Eisengeschmiedete Lichtrechen, die sich
von Pfeiler zu Pfeiler spannten (Kölner Dom),
nahmen an Bruderschafts-Altären die grofsen
Weihekerzen auf, die Lettner und sonstige Ab-
schlüsse (der herrliche kupfergegossene Leuchter-
bogen in Xanten) wie die Rückwände bezw.
Schranken der Chorstühle wurden zu Lichter-
reihen, und Wandleuchtern dienten die Pfeiler als
Stützpunkte. An die letzteren haben namentlich
Anfangs die Gasarme ihren Anschlufs gefunden,
bis als viel zutreffendere (auch in St. Stephan
eingeführte) Einrichtung sich ergab, in eigene
eisengeschmiedete Ständer direkt aus dem Fufs-
boden das Gas einzuführen und oben in Kronen
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