Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 7.

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keit, den letzten Zug des Seelischen, das schliefs-
Hch noch jedes Menschenantlitz erhellt, vom
Bilde fernzuhalten.

Man versuche nicht solche Leistungen der
Kunst zu vertheidigen und in Schutz zu nehmen,
ihnen andere Tendenzen zu unterschieben, wo
doch der Maler seine Tendenz so klar aus-
spricht; man ziehe nicht künstlich Schleier vor,
wo der Maler selbst alle Schleier weggerissen
hat; man rede hier nicht von vollendeter Tech-
nik, von Farbenwirkung, von künstlerischer Auf-
fassung und wolle nicht damit die Schuld sol-
cher Bilder bemänteln. Und man rede hier nicht
von der Freiheit der Malerei, welche nicht an-

getastet werden dürfe. Die Freiheit der Kunst
kann nicht die Freiheit der Buhldirne und der
Prostituirten sein; das ist nicht Freiheit, son-
dern Frechheit. Wer gegen diese Richtung der
Malerei und gegen diese Farbvergiftung von un-
berechenbaren Folgen eifert, der vertritt nicht
blofs das Interesse von Christenthum und Kirche,
der kämpft nicht blofs für die Sittlichkeit, welche
das Lebensmark der Nation ist, er tritt auch ein
für das wahre Interesse der Kunst, der Malerei
selbst. „Die Keuschheit ist nicht blofs eine
sittliche, sondern recht sehr eine künstlerische
Eigenschaft" (Fr. Pecht).

Tübingen,

Paul K e p p 1 e r.

Nachrichten.

Die XXXIX. Generalversammlung der
Katholiken Deutschlands in Mainz

hat der Förderung der christlichen Kunst ein sehr leb-
haftes Interesse zugewendet, welches mit besonderer
Freude zu begrüfsen ist. Zunächst hatte das Lokal-
komite mit grofsem Eifer es sich angelegen sein lassen,
eine Ausstellung für christliche Kunst zu veranstalten
und war dabei — was besonders hervorzuheben ist —
von dem Grundsalze ausgegangen, nur Werke selbst-
ständig schaffender Künstler und Kunsthandwerker an-
zunehmen, unter Ausschlufs aller Waaren der Fabrik-
uud Massenproduktion. Gewifs kann es keinem Zweifel
unterliegen, dafs dieser, auch von der Zeitschrift stets
und wiederholt vertretene Grundsatz des Komites, ein
durchaus empfehlenswerther und richtiger ist, dessen
Aufstellung um so mehr Anerkennung verdient, je
schwieriger es, wie allen Näherstehenden bekannt sein
wird, unter allen Umständen ist, ihn zur Geltung zu
bringen und mit Festigkeit und Entschiedenheit durch-
zuführen. Die Bestrebungen des Komites haben einen
schönen Erfolg erzielt und die Ausstellung, welche mit
einer ausgezeichneten Rede eröffnet wurde, zu einer
in der That prächtigen gestaltet; dieselbe bot in den
schönen Räumen des städtischen Museums (dem ehe-
maligen Kurfürstlichen Schlosse) ein recht erfreuliches
Bild des Strebens und Könnens auf den bezüglichen
Gebieten der Kunst und des Kunsthandwerks; ins-
besondere reich vertreten waren Werke der Gold-
schmiedekunst, Kirchengeräthe jeglicher Art, Paramente
in guten Stoffen und mit prächtigen Stickereien; auch
Schnitzwerke in Holz, Altäre, Figuren und Stations-
bilder, auch architektonische Entwürfe und Zeichnungen
für verschiedene Zwecke. Unter diesen letzteren sind
in ganz hervorragender Weise zu erwähnen ausgezeich-
nete Zeichnungen der Beuroner Kunstschule und des Hrn.
Professors L. Seitz zu Rom. Wir dürfen uns der Hoff-
nung hingeben, dafs auch von den zukünftigen General-
versammlungen diese in Mainz zur Geltung gebrachten,

bezeichneten Grundsätze für die Gestaltung und Be-
grenzung der Ausstellungen für christliche Kunst fest-
gehalten werden.

Das Interesse der Mainzer Ausstellung fand noch
dadurch eine Erhöhung, dafs auch manche werthvolle
alte Kunstwerke in derselben Platz gefunden hatten;
in dieser Beziehung möchten u. A. hervorzuheben sein
einige reiche, restaurierte Schnitzaltäre aus dem Nach-
lasse des Hrn. Pfarrers Münzenberger zu Frankfurt a. M.,
viele werthvolle Kirchengeräthe, insbesondere Monstran-
zen und Reliquiarien aus den Kirchen zu Mainz, aus
dem Dom und der Liebfrauenkirche zu Frankfurt, aus
der Kirche zu Eltville, der Stiftskirche zu Aschaffen-
burg und andere.

Auch hervorragende Gemälde, Aquarelle und Zeich-
nungen waren zur Ausstellung gelangt, u. A. von E.
v. Steinle, Ph. Veit, Deger, Ittenbach, Baumeister;
vor allem aber auch die herrlichen Kartons zu den
sieben Sakramenten von Overbeck.

Im Interesse für die christliche Kunst hatte die
Vorbereitung der Generalversammlung aber auch Be-
dacht genommen, dafs die christliche Kunst in einer
besonderen Rede behandelt werde; in der IV. öffent-
lichen Sitzung verbreitete sich P. Odilo Wolff O. S. B.
in einer schwunghaften, sehr hoch gegriffenen und
durchdachten Ausführung über die Prinzipien der Schön-
heit und die höchsten Ideen christlicher Kunstauffassung,
auf welche, sobald der ausführliche Bericht der Rede
vorliegt, die Zeitschrift näher einzugehen haben wird.
Die Sitzungen der Sektion für die christliche Kunst
zeigten, wie besonders hervorzuheben ist, in sehr er-
freulicher Weise eine ungewöhnliche Theilnahme; es
herrschte ein frisches Leben, und in lebhafter Debatte
wurden mannigfache einschlagende Fragen zur Er-
örterung gebracht. Den Anträgen der Sektion, dem
Lokalkomite Anerkennung und Dank für die Behand-
lung der Ausstellung für christliche Kunst, wie solche
vorhin bezeichnet ist, auszusprechen mit der Hoffnung,
dafs auch ferner dieselben Grundsätze zur Geltung ge-
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