Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST _ Nr. 7.

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rückführe auf gänzlich beschränkte Vorstellungen
von der Freiheit der Kunst oder vom Wesen der
Sittlichkeit; wir werden auch bei dieser Polemik
keine spezifisch christlichen oder katholischen
Grundsätze zur Voraussetzung nehmen. Schon
vom Standpunkt der Vernunft und der natür-
lichen Ethik verbietet sich eine Malerei, welche
offen an die niedrigsten Triebe appellirt, der
Sinnlichkeit und Lüsternheit Zündstoff zuführt
und nach aller psychologischen Erfahrung die
Leidenschaften reizen und dem Laster der Un-
keuschheit stärksten Vorschub leisten mufs. Wir
wollen keine falsche Prüderie; wir rauben der
Kunst nichts von ihrer Freiheit. Ihr Recht, den
Menschenkörper und auch das Nackte zu ihrem
Studium und auch zum Gegenstand ihrer Dar-
stellung zu machen, soll ihr belassen werden,
mit der einzigen Einschränkung, die doch selbst-
verständlich sein sollte, dafs dabei ein vernünf-
tiger Zweck und keine unsittliche Absicht walte.
Wir brauchen uns auch in keine peinliche Unter-
suchung einzulassen, wo hier die Grenzlinie zwi-
schen Erlaubtem und Unerlaubtem laufe. Es
wird Niemand wagen, uns zu widersprechen,
wenn wir sagen, dafs jede der neueren Aus-
stellungen — die neueste Münchener Jahresaus-
stellung von 1892 leider nicht ausgenommen —
wohl ein Dutzend oder mehr Gemälde aufweist,
die jedes, nicht blofs ein besonders zartes Sitt-
lichkeitsgefühl verletzen, aufweichen das Fleisch
lediglich des Fleisches wegen gemalt ist, nicht
etwa, um die Schönheit oder den wundervollen
Bau des menschlichen Körpers zur Anschauung
zu bringen, bei welchen kein normales Auge
darüber im Zweifel sein kann, dafs hier nicht
die Hand des Künstlers, sondern die freche
Hand der Wollust und Unzucht den Menschen-
körper entblöfst und zur Schau stellt, den Frauen-
körper prostituirt und ihm Ehre, Würde und
Adel nimmt. Gewisse Motive, die ihrer Natur
nach es ermöglichen, dieser Fleischeslust zu
fröhnen, kehren immer wieder und werden bis
zum Ekel wiederholt, — gewifs nicht blofs
aus künstlerischen Absichten. Die „dankbaren"
mythologischen Stoffe genügten nicht mehr; man
fügte hinzu die Szenen aus den orientalischen
Harems, von den Sklavinnenmärkten, aus den
Badekabinetten, die Hexensabbathe und Wal-
purgisnächte; die Allegorien wurden auf dieser
Fleischbank ausgeschlachtet. Die neueste Male-
rei braucht gar kein Motiv mehr; sie stellt oder
legt — in welchen Situationen! — unmotivirt

und unvermittelt nackte Frauenkörper in die
offene freie Natur hinein und nennt dann solche
Bilder Morgen, Mittag, Abend, Nacht, Frühling,
Sommer, Herbst. Dieser fleischerne Gedanke hat
geradezu Schule gemacht; jede Münchener Aus-
stellung der letzten Jahre wies zum mindesten
ein stattliches Halbdutzend Bilder auf, welche
dieses „Motiv" breit traten; die neueste von 1892
bleibt nicht zurück; die „Idylle" von Wenzel
Wirkner, die „Abendstille" von Heinrich Lossow,
das „Frühlingsahnen" von Alfred Seifert, der
„Sommertag" von Hans Sandreuter, der „Abend"
von Kengon Kox — lauter Variationen jenes
Einen Themas! Ja, man wagt es, selbst religiöse
Gegenstände zur Befriedigung der unreinen Luft
zu mifsbrauchen und leider auch hierin läfst die
neueste Zeit früher Dagewesenes weiter hinter
sich. Schon seit Jahrhunderten mufs die alt-
testamentliche Erzählung von der Frau des
Urias und von der keuschen Susanna und die
neutestamentliche Heilige Magdalena es sich
gefallen lassen, pornographisch ausgebeutet zu
werden; aber Max Ruscheis gemalte Magdalena
übertrifft alle ihre unzüchtigen Vorgängerinnen
ebenso unbestreitbar, wie A. Böcklins Susanna
im Bade. Einem Albert Keller (Legende der
heiligen Julia, Münchener Ausstellung 1892) und
Alexander Jakesch (heilige Theodosia, Ausstel-
lung 1889) blieb der traurige Ruhm vorbehalten,
selbst den Tod, den Märtyrertod heiliger Jung-
frauen sinnlich ausgenützt zu haben. Einem
Joseph Block ist die Episode Jesus am Jakobs-
brunnen gerade recht, um eine schamlose Orien-
talin zu porträtiren. Nahe daran streift Oskar
Rex, wenn er der vor Jesus stehenden Ehe-
brecherin anstatt der Reue und Beschämung ein
freches Lachen in's Gesicht schreibt und Julius
Exster, der in seinem „Verlorenen Paradies" (Aus-
stellung 1892) den weiblichen Körper, um defs-
willen offenbar das ganze Bild gemalt wurde, des
letzten Feigenblatts beraubt. Im letztgenannten
Bild ist ein Zweifaches symptomatisch für die
Geistes- oder vielmehr Fleischesrichtung eines
Theiles der modernen Malerei: einmal, dafs der
männliche Körper neben dem weiblichen ver-
hältnifsmäfsig dezent bezw. nachläfsig behandelt
ist, sodann, dafs beim weiblichen Wesen das
Antlitz nicht sichtbar ist. Beides begegnet uns
auch sonst häufig und kann fast nur auf die
Tendenz zurückgefühzt werden, die sinnliche
Wirkung raffinirt zu steigern, das Auge aufs
Fleisch zu bannen, den letzten Strahl von Geistig-
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