Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr.

210

Gedanken über die moderne Malerei.

II.

ielches ist der Zweck der Malerei?
Darauf giebt eine besondere Schule
der Naturalisten eine andere schein-
bar sehr klare und konkrete Aus-
kunft. Ihre Devise lautet: Die Malerei hat
nach Wahrheit zu streben und das Wahre
wahr darzustellen. Diese Devise hat eine
verborgene polemische Spitze, welche in dem
Schlagwort sich zeigt: Nicht Schönheit, son-
dern Wahrheit.

Das Wort von Schiller: „Das Schöne ist die
Ineinsbildung des Realen und Idealen" enthält
in bündigster Fassung eine ganze Aesthetik und
verurtheilt jede exklusiv reale Kunstrichtung.
Aber freilich nur unter der Voraussetzung, dafs
die Kunst es wirklich mit dem Schönen zu
thun und auf Schönheit abzusehen hat. Gerade
dies aber, sagen die Vertreter dieser Richtung,
ist eine unberechtigte Voraussetzung. Das Schön-
heitsprinzip ist eine petitio principii, kein Prinzip.
Dafs Schönheit Seele und Ziel der Kunst sei,
ist nichts als ein unbegründeter und grundlos
fortgeschleppter Irrthum. Nicht Schönheit, son-
dern Wahrheit. Die stolze Fahne der Wahrheit
soll die moderne Malerei zu neuen Siegen
führen. Man schaut mitleidig auf die alte Malerei
herab und nennt die Anhänger der alten Schule
„Schönmaler" mit der schlimmen Nebenbedeu-
tung von Schönfärber, und man klagt sie an,
dafs sie in den weichen Umarmungen der Schön-
heit die Wahrheit vernachlässigt haben.

Die Wahrheit, — wenn dieses Wort im Voll-
sinti genommen würde, könnte es ja in der
That ein herrliches Ziel der Malerei bedeuten;
aber man entdeckt alsbald, in welchem Sinne
dasselbe gemeint ist. Man stöfst sofort auf eine
höchst bedenkliche Begriffsverwirrung. Was diese
anstreben, ist nicht die Wahrheit, sondern die
Wirklichkeit und zwar wieder nur die Wirk-
lichkeit der fünf Sinne, so dafs wir vor dem
alten Irrthum stehen. Wirklichkeit ist noch nicht
Wahrheit. Wahr wird die Wirklichkeit erst da-
durch, dafs ich sie geistig erfasse, erkennend
durchdringe, sie in meinen Wahrheitsbesitz auf-
nehme, Andere von ihrer Wahrheit überzeuge
und dadurch sie in den Wahrheitsbesitz Anderer
einfüge. Damit fällt die künstlich konstruirte
Identität zwischen Wahrheit und Realität, die
künstlich aufgerichtete Trennungswand zwischen

Wahrheit und Idealismus, aber auch der künst-
lich geschaffene Widerspruch zwischen Wahr-
heit und Schönheit. Es mag richtig sein, dafs
mitunter die frühere Kunst im Streben nach
Schönheit in Konflikt kam mit der Wahrheit,
dafs eine Schönheit angestrebt wurde in kraft-
losem, weichlichem Sinn von Lieblichkeit, An-
muth, dafs man ihr Wesen in Aeufserlichkeiten,
in reizendem Spiel der Formen suchte, in un-
befugtem Ausschlufs starker Kontraste, in un-
wahrer Abschwächung der Wirklichkeit, in un-
nöthigem Abschliff ihrer Ecken. Aber sobald
man dem Wort Schönheit sein Mark beläfst,
ist es total unrichtig, dafs das Streben nach
Schönheit an sich der Wahrheit zu nahe trete;
die eigentliche künstlerische Schönheit hat die
Wahrheit zur Voraussetzung; das Unwahre kann
nicht künstlerisch schön sein.

Einen Beweis erbrachte man dafür, dafs die
alte Kunst die Wahrheit vernachlässigt habe;
ihr Vorübergehen am Unschönen, Widerwärtigen,
Häfslichen in der Natur und Menschenwelt. So
hat die extreme Schule des Impressionismus alle
ihre Kräfte eingesetzt, um dieses Versäumnifs
nachzuholen und einen förmlichen Kult des
Häfslichen inaugurirt. Das ist entschieden die
seltsamste Erscheinung in der ganzen neueren
Geschichte der Malerei, der nichts Analoges aus
früherer Zeit an die Seite gesetzt werden kann.
Seit einem Jahrzehnt können wir keine Gemälde-
ausstellung mehr besuchen, ohne Bildern zu be-
gegnen, welche das Verkrüppelte, Verkrümmte,
Abstofsende in Natur- und Menschen-Erschei-
nungen, die ekelerregenden Anblicke von Krank-
heit, Siechthum, moralischer und physischer Herab-
gekommenheit, die verblödenden und verthieren-
den Einflüsse und Wirkungen von Schuld und
Laster, von Kretinismus und Idiotismus so brutal
wahr wiedergeben, dafs es den ganzen leiblichen
und geistigen Menschen erfafst und wie Brech-
reiz schüttelt.

Nun hat ja das Häfsliche seine Stellung und
Berechtigung in der darstellenden Kunst, und
eine Naturdarstellung und Lebensschilderung,
die ihm ganz aus dem Wege gehen wollte,
müfste mit Glacehandschuhen und auf Stelzen
durchs Reich der Wirklichkeit schreiten. Das
Häfsliche ist überall da am Platze, wo ein ver-
nünftiger Zweck es fordert und ruft, wo es dem
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