Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Gedanken über die moderne Malerei.
III.

(er Charakter unserer Zeitschrift recht-
fertigt, ja verlangt es, dafs zum
Schlüsse noch die religiöse Ma-
lerei der Neuzeit, oder die mo-
derne Malerei, soweit sie sich mit religiösen
Gegenständen befafst, einer besonderen Kritik
unterzogen wird.

Gibt es eine religiöse Malerei als eigene
Kategorie? mit besonderen Rücksichten und
Pflichten, mit eigenem Charakter und Stil? Man
leugnet das von manchen Seiten. Kunst ist
Kunst, Malerei ist Malerei, ob sie sich zufällig
ihre Themate aus dem Reich des Profanen oder
Religiösen hole. Die prinzipielle Frage kann
hier nicht zum Austrag gebracht werden. Für
Einen Satz wird man aber doch wohl die all-
gemeine Zustimmung nicht blofs der Gläubigen
und noch irgendwie religiös Gesinnten, sondern
auch aller Vernünftigen und Wohlanständigen
erwarten können, für den Satz: Die Malerei darf
religiöse Gegenstände nicht so behandeln, dafs
die Art der Darstellung dem Charakter derselben
zuwider ist, dafs sie die heiligen Thatsachen, Ge-
heimnisse, Gestalten der Religion, des Christen-
thums in die Sphäre gemeiner Wirklichkeit herab-
zieht, sie profanirt. Wenn mit Zustimmung jedes
Vernünftigen selbst das Strafgesetzbuch Religion
und Kirche gegen Injurien schützt, so kann nicht
die Kunst das Recht beanspruchen wollen, sich
durch Pinsel und Farbe injuriös an derselben zu
vergreifen. Ist dieser Satz wirklich allgemein zu-
gestanden? In der Praxis nicht; wie er aber in
der Theorie ernstlich soll in Abrede gezogen
oder widerlegt werden können, ist unerfindlich;
also mufs die richtige Theorie die falsche Praxis
verdammen.

Nun sagt freilich mancher moderne Maler
mit Mund und Pinsel: Für mich existiren diese
Thatsachen und Personen als übernatürliche,
heilige, religiöse nicht; ich sehe in den Erzäh-
lungen der hl. Schrift lediglich geschichtliche
Ereignisse ganz derselben Art wie alle übrigen,
deren die Geschichte Erwähnung thut; für mich
gibt es überhaupt kein eigenes, höheres Reich
des Religiösen, daher auch keine besondere Art,
das angeblich Religiöse darzustellen. Wir werden
mit solchen uns nicht auf dem Boden positiver
Gläubigkeit auseinandersetzen können; aber es
genügt auch ein viel niedrigerer Standpunkt,

um ihr Unrecht einzusehen und aufzudecken.
Vielleicht darf man wenigstens bei manchen auch
aus dieser extremsten Klasse doch Eines noch
voraussetzen: Vernunft und Anstand. Dem Maler,
bei welchem wir dies noch voraussetzen können,
sagen wir: Selbst wenn dir diese Thatsachen und
Persönlichkeiten einer höheren Würde, einer re-
ligiösen Bedeutung, eines übernatürlichen Cha-
rakters entkleidet und bar erscheinen, berechtigt
dich das nicht, sie nach deiner profanen Auf-
fassung zu malen, und du begehst ein Verbrechen,
wenn du es thust. Wenn du ein Mann von Ge-
wissen, von Anstand und vernünftiger Ueber-
legung bist, wirst du es nicht thun. Dein Ge-
wissen wird dir sagen: thue es nicht; du theilst
nicht die Ueberzeugung Anderer, aber das sei
ferne von dir, dafs du den Glauben und das
religiöse Gefühl hundert und tausend Anderer
durch deine Kunst ärgerst und verletzest. Deine
Vernunft wird dir sagen: thue es nicht; wahr-
lich, es wäre Ubelgethan, wolltest du das kost-
bare Kapital der Volksreligion, an dessen Ver-
schleuderung und Herabminderung gegenwärtig
so viele Kräfte verbrecherisch arbeiten, auch
durch deine Kunst noch schädigen. Eben wenn
und weil du diese heiligen Objekte auf Eine
Linie stellst mit den profanen, hast du gar keinen
Grund und kein Recht, mit deinem Pinsel gerade
nach jenen zu greifen. Also die Hand davon!
Man verlangt von dir nicht, dafs du das Heilige
heilig darstellst, wenn du nicht daran glaubst,
— du könntest es auch nicht — aber das kann
man verlangen, dafs du es nicht darstellst und
deine Kunst andern Gegenständen zuwendest.
Thust du es doch, so leitet dich entweder ge-
wissenloser Leichtsinn oder freche Frivolität,
oder aber fanatischer Hafs gegen Christenthum
und Religion und das Streben, mit deinem Pinsel
für Atheismus und Unglaube Propaganda zu
machen; wo bleibt denn aber im letztern Fall
der so laut verkündigte Kanon, dafs die Kunst
zwecklos sein müsse und vor allem nicht tenden-
ziös sein dürfe? hat dein Pinsel etwa die Auf-
gabe, negative Kritik zu malen? Renan, Straufs,
Baur in Farben zu übersetzen?

In der That, schon jedem verständigen, edlen
Gemüth wird man den Satz als richtig erweisen
können, der dem gläubigen selbstverständlich
ist: dafs, wenn die Malerei sich mit religiösen
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