Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 4.

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Kleide, wo reichere Bauschen sie wiederum
verrathen.

Die Auffassung der menschlichen Gestalt tritt
am deutlichsten im Leichnam Christi hervor.
Die ungemein schlanken, langgezogenen Formen
werden hier am augenfälligsten. Vertiefen wir
uns jedoch in die Empfindungsweise und die
Geschmacksrichtung jener Zeit, so werden wir
auch hier beobachten, wie freudig Erschautes
und verständig Beobachtetes trefflich benutzt ist
— und gleichzeitig gestehen müssen, dafs die
angewandten Ausdrucksformen sich sehr wohl
zur Schilderung des verklärten Schmerzes, der
Würde und Frömmigkeit eignen.

Zu der zarten im Tode gebrochenen Gestalt
des Heilandes blickt Johannes trauernd empor
und hält die ohnmächtig zu Boden sinkende
Gottesmutter in den Armen. Auf dem goldenen
Grunde schweben klagend himmlische Seelen,
deren Körperlosigkeit bei Willens- und Gefühls-
äufserungen die altkölnische Kunst so treffend
darstellt. Wir sehen liebliche Lockenköpfchen,
erhobene Flügel, lebhaft bewegte Arme — doch
statt des Körpers ein blaues, flatterndes Gewand,
welches in schmalen Streifen endet. Die Engel
umschwirren hier den Kreuzespfahl des Erlösers
und fangen in goldenen Kelchen dessen kost-
bares Blut auf, damit es nicht zur blumigen
Wiese herabrinne.

Bedeutend fesseln uns aber vor allem die
Gestalten der Apostel Jakobus minor, Andreas,
Petrus, Paulus, Bartholomäus, Thomas und Phi-
lippus zu den Seiten des Kreuzes, deren über-
kommene Charaktertypen, von dem Ideal des
Künstlers durchsetzt, neubelebt erscheinen. Das
sprechende Antlitz ist fein gebildet, die dunklen
Augen blicken unter schweren Lidern gelassen
auf den Beschauer. Nichts deutet auf Askese
und Verzückung, ruhiger Friede, Ernst und An-
dacht spricht aus allen Zügen.

Die Entwickelung der altkölnischen Malerei
gegen Schlufs des XIV. Jahrh. dürfte wohl nie-
mals deutlicher hervortreten als beim Vergleich
dieser Apostelköpfe mit den Resten von Pro-
phetenbildern, welche man ebenfalls so grund-
los mit dem Namen „Meister Wilhelm" ver-
knüpfte. In welchem Verhältnifs zu jenem be-
deutenden Umschwung nun aber der grofse
Meister stand, den der Limburger Chronist den
besten Maler in allen deutschen Landen nennt,
wird wohl so lange verschleiert bleiben, bis
ein glücklicher Zufall uns mit einer urkundlich
sicher beglaubigten Arbeit Wilhelm von Herle's
beschenkt. So lange eine solche jedoch fehlt,
müssen wir entschieden darauf verzichten, irgend-
welche hervorragende Kunstschöpfung mit dem
Namen „Meister Wilhelm" zu verbinden.

Bonn. Ed. Firme nich-Ri chartz.

Glocken

m

ollen in einem Thurme Glocken auf-
gehängt werden, so sorge man zu-
nächst für eine solide Grundlage
des Glockenstuhles. Diese bildet
sich aus den Tragbalken der Glockenstube. Die
Widerstandsfähigkeit dieser mufs deshalb dem auf
die Bodenfläche der Glockenstube drückenden
Gewichte entsprechen. Das Gewicht mufs ferner
möglichst gleichmäfsig über die ganze Fläche
vertheilt sein. Dieses wird dadurch erreicht,
dafs die Unterschwellen des Glockenstuhles auf
alle Balken gelagert werden, wobei aber hier
schon bemerkt werden mufs, dafs die Schwellen-
köpfe wenigstens 10 cm von den Thurmumfas-
sungsmauern abzustehen haben. Gehen die Lager-
stücke bis vor die Mauer, dann wirken sie beim
Läuten in ihrem Horizontalschub, wie die Wider-
köpfe der alten Sturmböcke und zerstofsen mit
der Zeit auch die stärksten Thurmmauern.

o n t i r u n e.

Das Balkenlager mufs Widerstandsfähigkeit
genug haben, wenn es nicht ebenfalls dem
Thurme den gröfsten Schaden bringen soll. Ist
es zu schwach, dann werden sich die Balken
namentlich beim Läuten zu sehr biegen und
schieben und durch diese doppelte Thätigkeit
die Thurmmauern zerbröckeln. Wichtig ist, dafs
den Balken ein gemeinsames Unterlager gegeben
wird, welches den Druck auf die ganze Mauer-
linie vertheilt. Damit die Mauer diesem Druck
mit ihrer ganzen rückwirkenden Festigkeit be-
gegnen kann, ist es auch nothwendig, dafs das
Unterlager der Balken innerhalb des mittleren
Drittels der Mauerstärke angeordnet ist.

Damit alle vier Seiten des Mauerwerkes ge-
meinschaftlich dem Druck begegnen, ist es bei
neuen Thurmanlagen zu rathen, dieselben unter-
halb der Glockenstube durch starke vierseitige
Eisenanker zu verbinden. Dieses geschieht am
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