Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 7.

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Ueber Gewölbescheiben.

Mit Abbildung.

an kann den Kunsthistorikern keinen
Vorwurf daraus machen, wenn sie
die mittelalterlichen Baudenkmäler
aus dem Gebiete des Ziegels nur
nebenher besprechen, da die aus letzterem her-
gestellten Werke einzig bezüglich des Grundrisses
und der Verhältnisse eine Vergleichung mit
denen aus gehauenem Stein zulassen. Der Back-
stein erlaubte namentlich nicht, die Vortheüe
der konstruktiven Prinzipien des gothischen
Stils im Aufbau völlig auszunutzen, und ebenso-
wenig gestattete er eine feinere Ausgestaltung der
architektonischen Glieder und des Ornaments.
Es ist aber anziehend genug, die Art und Weise
zu verfolgen, wie die alten Meister im Nieder-
lande gesucht haben in ihren Werken jenen
Schmuck zu ersetzen, welcher mittelst gebrannter
Steine nicht zu schaffen war. Von einer solchen
Anordnung soll hier berichtet werden.

Im Gebiete des Hausteins wurden die Schlufs-
steine der Gewölbe in ebenso reicher wie sin-
niger Weise mit figürlichem Schmucke oder an-
derem Ornamente, meist Laubwerk, ausgestattet
und in späterer Zeit zum Theil sogar in un-
gehöriger Weise zu den sogen. Abhänglingen
(pendants) ausgestaltet. Dort, wo man auf die
Anwendung des Ziegels beschränkt war, hat
man statt des Schlufssteines einen Ring von
gleichem Profil wie die Rippen des Gewölbes
gemauert und also jenen ersetzt oder aber, und
zwar früh, Schlufssteine aus einer Gufsmasse her-
gestellt, aus welcher man das Ornament aus-
schnitt. Es hat aber, wie es scheint, das Eine
so wenig wie das Andere befriedigt, und ist man
also darauf verfallen, die ganz schlichten Schlufs-
steine zu durchbohren und unter denselben höl-
zerne geschnitzte, bei bescheidenem Mitteln nur
bemalte, runde Scheiben anzubringen. Dergl.
Scheiben sieht man z. B. noch in Lübeck und
Stralsund, wo sie mit Wappenschilden, vermuth-
lich derjenigen, welche die Gewölbe herstellen
liefsen, geschmückt sind; an den meisten Orten
aber sind sie untergegangen oder, wo das nicht
der Fall ist, wenigstens nicht in der reichen Aus-
gestaltung erhalten, wie sie unsere Abbildung
zeigt. Dieselbe stellt eine Gewölbescheibe dar,
welche sich bis 1878 im Chore der Kirche des
Klosters der Predigerbrüder, des „Schwarzen
Klosters", in Wismar befand.

Der aus dem Achtecke geschlossene Chor,
vier Gewölbe lang, hat eine Weite von 11,15 cm
und ist 21 m hoch und mit Kreuzgewölben
überspannt, welche, wie durchgehends im Ge-
biete des Ziegels, geputzt waren, während die
Wände, sicher wenigstens vom Kaffsimse auf-
wärts, sich im Rohbau zeigten. Die Gurten und
Rippen setzten auf Büsten, die im Schiffe auf
einfach mehrseitigen Kragsteinen aus Gufsmasse
auf, auf deren Flächen auf schwarzem Grunde
Blätter ausgespart waren. Die Rippen waren ent-
weder grün oder schwarz, in jedem Gewölbe so
bemalt, dafs eine schwarze Rippe sich mit einer
grünen kreuzte, und die Gurtbögen — von glei-
chem Profil wie die Rippen — in der einen
Hälfte, d. h. vom Kragstein bis zum Scheitel,
schwarz, in der anderen grün waren, derartig, dafs
die grüne Hälfte von zwei schwarzen Rippen,
die schwarze von zwei grünen flankirt wurde.
Die Platte neben der Hohlkehle, in welcher, der
birnförmige Stab liegt, war weifs gestrichen.

Die Kappen der Gewölbe stofsen unvermit-
telt gegen die Wände. In einem Abstände von
diesen von 2 cm und in gleicher Entfernung
von den Gurten und Rippen war jede Kappe
mit einem 3 bis 4 cm breiten, lebhaft rothen
Streifen eingefafst, welcher abwechselnd mit
Knötchen und krappenartigen Blättchen besetzt
war und neben dem Scheitel der Gurtbogen wie
der Schildbogen in eine stilisirte Lilie auslief.
Die Gewölbedekoration in dem um ein Weniges
älteren, mit dem Chore gleichhohen Mittelschiffe
der Kirche war dieselbe; die seiner Seitenschiffe
unterschied sich aber dadurch, dafs die Birn-
stäbe der Rippen anders als die Hohlkehlen,
jene schwarz, diese grün, und umgekehrt, be-
malt und dafs statt der blättchenartigen Krappen
solche in Kohlblattform angeordnet waren.

In diesen Seitenschiffen befanden sich aber
einfach rechteckige und undurchbohrte Schlufs-
steine und also keine Gewölbescheiben wie im
Chore und im Mittelschiffe, in welch letzterem
aber freilich schon mehrere fehlten. Diese Schei-
ben bestanden aus hölzernen, am Rande 61/2 cm
starken und 68 cm im Durchmesser haltenden
kreisrunden Platten, die aus einem Stück ange-
fertigt waren. Ihre Flächen waren vertieft und
meist plastisch verziert. Auf einer war die Ma-
donna in halber Figur dargestellt, auf einer zwei-
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