Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

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Die Propsteikirche zu Oberpleis.

Mit 2 Abbildungen.

'twas unterhalb Königswinter öffnet
sich auf der rechten Rheinseite bei
Oberdollendorf eines der bekann-
testen Seitenthäler des Rheins, in
weiteren Kreisen allerdings nur bis zu dem
Punkte bekannt, wo in tiefer Waldeinsamkeit
die Mönche von Heisterbach einst jene herrliche
Kirche bauten, deren malerisch schöne Chor-
ruine jetzt alljährlich das Wanderziel von Tau-
senden bildet. Dicht an ihr vorbei führt die
Strafse aufwärts, sie überschreitet den Höhen-
zug des sogen. Heisterbacher Mantels und senkt
sich dann hernieder in das Thal der Sieg. Hier
liegt an dem Pleisbache das Pfarrdorf Oberpleis,
so genannt zur Unterscheidung von Niederpleis,
einem weiter unterhalb in der Nähe von Sieg-
burg belegenen Orte.

Mitten zwischen Rhein und Sieg hat sich
hier eine Kirche erhalten, deren Entstehen in
das XI. Jahrh. hinaufreicht und deren Geschichte
eng verknüpft ist mit der alten und mächtigen
Benediktinerabtei Siegburg.1)

Urkundlich findet sich der Name Oberpleis
zuerst im Jahre 948.2) Allerdings erwähnt Müller
einer Urkunde vom Jahre 944,3) es fehlt indefs
sonst an jedem bestimmten Anhalt für die Exi-
stenz einer solchen, und kann dieselbe deshalb
hier neben der sicheren Urkunde von 948 nicht
weiter in Betracht kommen. In dieser bestimmte
Erzbischof Wichfrid von Köln den Sprengel
und Zehntbezirk der Pfarrkirche zu Oberpleis

') Das Hauptwerk über Siegburg ist immer noch:
Aegidius Müller »Siegburg und der Siegkreis«.
2 Theile. (Siegburg 1858.)

-) Im Staatsarchiv zu Düsseldorf. Abgedruckt bei
Lacomblet »Urkundenbuch für die Geschichte des
Niederrheins« I., Nr. 103. (Düsseldorf 184«).)

3) Aegidius Müller »Siegburg und der Sieg-
kreis« I., S. 37, datiert dieselbe auf den 3. Juni 944.
In dieser Urkunde wird seiner Angabe nach berichtet,
dafs Eberhard de Pleisa, Bewohner der Burg Ober-
pleis und Oheim des Erzbischofs Wichfrid von Köln
sein Vermögen zur Stiftung eines Benediktinerklosters
bestimmt habe. In Gegenwart des Domkapitels habe
der Erzbischof dieses Testament eröffnet und die Zu-
stimmung zu dem angegebenen Plane erhalten. Der
Erzbischof habe ebenfalls einen bedeutenden Beitrag
hinzugefügt, und aus der Abtei Korvey mehrere Ordens-
leute kommen lassen. Nach gütiger Mittheilung des
Staatsarchivars, Hrn. Geheimen Archivraths Dr. Harlefs,
ist indefs die vorbezogene Urkunde vom 3. Juni 944
weder urschriftlich noch in der Kopie im Düsseldorfer

im Auelgau in der Grafschaft des Grafen Her-
mann. Die Urkunde sagt bezüglich der hier in
Frage kommenden Punkte: Wichfridus, sanc-
tae Colonie?isis ecclesiae Archiepiscopus. Noveril
omnium sanctae dei ecclesiae praesertim scilicet
ac futurorum sollertia, qualiter nos dei amore
pulsali anno ab incarnatione domint nostri Jesu
Christi nongcntcsimo quadragesimo octavo in-
dictione autem sexia, anno etiam gloriosissimi
regis Ottonis regni XIII. determinationem sub-
tus nominatam pe7-fecimus et ad integrum no-
strae auctoritatis largitionc ad ecclesiam sanc-
torum martyrum Primi et Feliciani et sancti
Augustini confessoris, quae constructa est in
villa, quae dicitur Pleisa, in pago Auelgauense,
sub comitatu Herimanni comitis determinamus
in perpetuo habendam ut omnia, quae antea
ad eandem fuerani separata maneant firma, et
novalia eidem ecclesiae contigua quae hucusque
existebant inlerminata illuc respiciani stabilia.
Hieran schliefst sich dann die Circumscription
der Pfarre Oberpleis. Aus dem Wortlaute dieser
Urkunde ergibt sich, dafs die Kirche, deren
Pfarrsprengel hier umgrenzt wird, im Jahre 948
neu erbaut war, dafs aber ein Kirchensystem
und somit auch ein Gotteshaus schon vorher
bestand. Wie an so vielen Orten des Rheins
wird sich auch hier die Pfarre aus dem Schlofs-
gottesdienst entwickelt haben.

Ein volles Jahrhundert schweigen nun die
Urkunden über Oberpleis, erst mit Erzbischof
Anno II. von Köln knüpfen sie wieder an. Zur

Staatsarchiv vorhanden. Müller hat die betreffende An-
gabe aus Schwaben's »Geschichte der Stadt, Festung
und Abtei Siegburg« (Köln 1826), S. 131 u. ff., über-
nommen, welcher seinerseits angibt, dafs das Diplom
im „abteilichen Archiv" verwahrt werde. Wie die
Kopiarien und älteren Archivverzeichnisse der Abtei
Siegburg darthun, hat ein solches Diplom indefs im
Original weder zu Ende des vorigen Jahrhunderts in
der Abtei, noch in den ersten Decennien des gegen-
wärtigen Jahrhunderts, als die Archivalien der säkulari-
sierten Abtei von der Bergischen Regierimg in Besitz
genommen, in Düsseldorf, wohin sie überführt worden,
existiert. Auch in den älteren Kopiarien des XV. bis
XVII. Jahrh. und in den Nekrologien der Abtei findet
sich keine Notiz über die angebliche Stiftung des Eber-
hard von Pleis. Da aufserdem die Urkunde von 948
jene Stiftung eines Benediktinerkonvents in keiner Weise
berührt, so erscheint es für historisch unerlaubt, von
jener Urkunde Gebrauch zu machen; die Urkunde von
948 mufs als die älteste gelten.
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