Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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Abhandlungen.

Studien zur Geschichte der fran-
zösischen Plastik.

III. (Schlufs.)

Die Anfänge der Bild-
hauerschule von Reims.

Mit 6 Abbildungen,
s giebt in der Isle de France ein
weises Sprüchwort: Wer eine voll-
endet schöne Kathedrale bauen will,
der nehme von Chartres dieThürme,
von Paris die Fassade, von Amiens
das Schiff und von Reims die
Skulpturen. Ein kaum überseh-
bares Heer von Statuen und Sta-
tuetten bekleidet die Kathedrale
von Reims im Aeufseren und im Inneren: nicht
wenigerals 2500Figuren, wohlgezählt, schmücken
sie. Die Nachfolgerin der Basilika, in der der
erste fränkische König getauft ward, die Krö-
nungskirche der Könige Frankreichs, nimmt auch
in der Geschichte der künstlerischen Entwicklung
eine königliche Stellung ein. Als in unseren
Tagen nach den ersten Restaurationsarbeiten von
Arveuf und Viollet-le-Duc im Jahre 1875 die
assemblee nationale die Summe von zwei Mil-
lionen Franks in hochherzigem Verständnifs zur
Restauration des ehrwürdigen Denkmales be-
willigt hatte, schien eine Zeit lang durch die
Modernisirungssucht des leitenden Architekten
Millet der Bau in seinem alten Gewände be-
droht. Die Archäologen Frankreichs waren es,
die hier einmüthig rettend eingriffen. Nach der
geharnischten Erklärung, die ihr Sprecher, An-
thyme Saint-Paul im »Bulletin monumental« ver-
öffentlichte, wurde Millet durch einen Mann er-
setzt, der weitgehende archäologische Kenntnisse
mit grofser technischer Gewandtheit verband,
Mr. Ruprich Robert. Die Kathedrale ist seitdem
aufs Neue in ihrem alten Glänze entstanden.

Die Erbauung von Notre-Dame zu Reims
fällt in die zweite der grofsen Perioden ge-
steigerter Bauthätigkeit, die wie von Westen nach
Osten hinebbende Wellen über ganz Nordfrank-
reich hinwegflutheten. Die erste füllte die Zeit
um die Wende des Jahrtausends und die erste
Hälfte des XI. Jahrh. aus. Die Normannen hatten

wohl zuerst mit ihrer Baulust eingesetzt: Wil-
helm der Eroberer liefs allein 23 Abteien er-
richten, dazu eine gröfsere Anzahl von Kirchen.
Im Poitou gab den Anstofs Wilhelm V., Herzog
von Aquitanien, der die Kirche von Maillezais
erneuerte, St. Junien und St. Jean d'Angely grün-
dete, den Bau von St. Martial, St. Michel en
l'Herm begünstigte. Die Seigneurs von Angou-
mois und der Saintonge thaten sich nicht we-
niger hervor; Foulques III. von Anjou gründete
die Abteien von Beaulieu, St. Nikolas und Ron-
ceray d'Angers. In der Normandie entstanden
die Kathedralen von Bayeux, St. Georges de
Bocherville, die Abtei von Jumieges, St. Nikolas,
St. Etienne und de la Trinke' in Caen, in der
Picardie St. Etienne und St. Germer, im Herzen
des Landes St. Germain-des-Pres, die Kathe-
dralen von Laon und Meaux1). „Je ne scay
point de tems", sagt der alte Mezeray in seiner
Geschichte Frankreichs, „oü l'on ait plus baty
d'eglises et d'abbayes qu'en celui-ci. II n'y avait
pas un seigneur qui ne se picquast de cette gloire,
les plus mcfchans affectaient le titre de fonda-
teur; tandis qu'ils ruinaient des eglises d'un cöte,
ils en rebätissaient de l'autre, et faisaient de sa-
crileges offrandes ä Dieu des biens qu'ils avaient
ravis au pauvre peuple"2).

Die zweite Bauperiode umfafst die Regierungs-
zeit Philipp Augusts und des heil. Ludwig —
ein Jahrhundert fast, von 1180 bis 1270. In der
Normandie wurden die Kathedralen zu Rouen,
Bayeux, Coutances, Sdez vollendet, in der Pi-
cardie Amiens, Soissons, Beauvais, die Sainte
Chapelle von St. Germer, in der Isle de France
Notre-Dame und die Sainte Chapelle zu Paris,
Notre-Dame zu Mantes, die Kathedrale zu
Meaux, weiter südlich die Kathedralen zu Char-
tres, Orleans, Bourges, Le Mans, Tours, Poitiers,
in der Champagne Chalons-sur-Marne, Troyes
und — Reims.

') Emmanuel Woillez »Memoire sur les causes
auxquelles on doit attribuer le grand nombre de monu-
menls religieux eleves au nord de la Loire«, Memoires
de la societe archeologique de la Morinie VIII, 1. —
Ders. »litudes archeologiques sur les monuments reli-
gieux de la Picardie« (St. Omer 1843).

-) Mezeray »Histoire de France« II, p. 527.
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