Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

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derselben Weise mit fremden Steinarten orna-
mentirte Platten; doch würde dieser Umstand
der oben geäufserten Auffassung nicht entgegen-
stehen, so lange nicht nachgewiesen ist, dafs
diese Platten wirklich von einem früheren Fufs-
bodenbelag in S. Gereon herrühren, und nicht
vielmehr ebenfalls Reste eines anderen senk-
rechten Flächenarchitekturtheils sind. Für diese
letztere Auffassung scheint zu sprechen, dafs in
den Abbildungen der Ada-Handschrift in Trier
auf der Vorderseite der Bänke oder Sessel,
welche den Evangelistenfiguren als Sitz dienen,
also an einer senkrechten Fläche, sich ein ganz
ähnliches Ornament findet.

Was endlich die Zeitbestimmnng anbetrifft,
so dürfte es in dieser Beziehung vielleicht be-
merkenswerth sein, darauf hinzuweisen, wie die
eigenthümliche Belebung und Ausschmückung
der Fläche mit eingebetteten edleren Steinarten
lebhaft erinnert an die bei den Prachtbuch-
deckeln schon im X. Jahrh. angewandte Manier,
mit der Einschränkung allerdings, dafs in letz-
terem Falle, wo es sich für Gegenstände zum

Handgebrauch um kleinere Flächen handelte,
kostbarere Materialien verarbeitet wurden. Das
Prinzip der Flächenbehandlung ist jedoch das-
selbe. Vergleicht man nun z. B. die Ornamente
des aus dem X. Jahrh. stammenden Echternachcr
Evangeliars mit dem hier abgebildeten, so findet
man fast genau dasselbe Motiv des Kreises, der
von vier rechtwinkelig zu einander gestellten,
blatt- oder herzförmigen Steinstücken umgeben
ist, bei beiden. Ein ähnliches Ornament ist ab-
gebildet an dem Sitz des Evangelisten Mathäus
in der oben erwähnten Ada-Handschrift. Zieht
man weiter die naive und unbeholfene, noch
wenig Uebung verrathende Zusammenstellung des
Ornaments auf der abgebildeten Platte in Be-
tracht und berücksichtigt man, dafs die aus dem
Ende des X. Jahrh. stammende Platte auf dem
Grabmal des Erzbischofs Gero im Kölner Dom
zwar dieselben Steinarten, aber in vervollkomm-
neter regelmäfsigerer Musterung zeigt, so wird
man die vorliegende Platte dem Anfang, spätestens
der Mitte des X. Jahrh. zuweisen können.
Köln. l. H.

Reliquiar in Medaillon-Form aus dem Anfange des XIII. Jahrh.

Mit 2 Abbildungen.

Nhylacteria wurden besonders die
zum Anhängen bestimmten
Reliquien-Behältnisse genannt,
die, zumal im Mittelalter, viel-
fach getragen wurden. Bald
kleiner, bald gröfser, je nachdem sie
für den privaten oder für den öffent-
lichen Gebrauch bestimmt waren, er-
schienen sie in den mannigfaltigsten
Formen und, wie sie in alten Schatz-
verzeichnissen häufig erwähnt werden,
so begegnen sie auch noch zahlreich
in Kirchenschätzen und Museen, in öffentlichen
und privaten Sammlungen. Im XIII. Jahrh., in
welchem der Reliquienkultus wie die Gold-
schmiedekunst in hoher Blüthe stand, scheinen
gerade diese Behältnisse besonders beliebt ge-
wesen zu sein, namentlich eine besondere Art
derselben, welche aus einem auf der Vorder- und
Rückseite ganz mit Metall bekleideten, mehr oder
minder reich verzierten Holztäfelchen besteht.
Ihnen wird der allgemeinere Name „phylacterium"
auch als besondere Bezeichnung beigelegt, neben
welcher auch die als „encolpium" besteht, worunter

ein Reliquiar in Form eines Medaillons verstanden
zu werden pflegte. Die Medaillon-Form ist den
Phylakterien eigen, bald in runder, bald in ovaler,
am meisten in Vierpafsgestalt. Ihre Verzierung
ist bald eine reichere, bald eine einfachere, und
wohl alle Techniken, über welche die romanischen
Goldschmiede verfügten, sind in ihnen zur An-
wendung gebracht: Giefs-, Treib- und Stanzver-
fahren, Email, Niello und Schmelzfirnifs, Fili-
gran, Gravur und Steinfassung, so dafs die reicher
behandelten Exemplare von ebenso mannigfal-
tiger als glänzender Wirkung sind. An den Ufern
der Maas scheinen sie mit Vorliebe gebraucht
worden zu sein; denn dort haben sie sich in
verhältnifsmäfsig grofser Anzahl erhalten und die
Art ihrer Verzierung weist auf die dortigen Werk-
stätten hin. Auf den Alterthümer-Ausstellungen
zu Lüttich (1881), zu Brüssel (1880 und 1888)
waren sie in erheblicher Anzahl und vorzüglichen
Mustern vertreten und in dem Katalog der letz-
teren (S. 59 bis 63) finden sich deren neun be-
schrieben, von denen Reusens in seinen »Ele-
ments d'archeologie chre'tienne« Bd. II, S. 381/82,
einige abgebildet hat.
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