Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST _ Nr. 6.

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wohlthätige Zerstörerin Zeit, wird bis dahin
mit Vielem aufgeräumt, Vieles der Vergessenheit
überantwortet, das Material bedeutend verein-
facht haben. Und doch ist klar, dafs man die
Frage nach dem Stande der heutigen Malerei
nicht einfach vertagen kann. W i r brauchen
Klarheit und wir brauchen sie jetzt; sie ist
nöthig denen, welche an dieser Kunst arbeiten
und denen, für welche sie arbeiten. Da kann
wohl jedes redliche Streben nach dieser Klar-
heit der Anerkennung und Beachtung sicher
sein. Und wenn ein Nichtfachmann es wagt,
seine Gedanken über die moderne Malerei offen
auszusprechen, so wird er nur damit sich zu
entschuldigen haben, dafs er selbst seine Ge-
danken und Vorschläge als unmafsgebliche
bezeichnet und selbstverständlich sein Urtheil
dem der Verständigeren und Erfahreneren unter-
ordnet. Nicht die endgiltige Lösung jener
wichtigen Frage wird er zu geben sich ver-
messen; es wird nur seine Absicht sein, zu
weiterem Nachdenken zu veranlassen und die
Lösung anzubahnen.

Der Schreiber dieser Zeilen steht der neuesten
Entwicklung der Malerei nicht mit rosigem Op-
timismus, aber auch nicht mit galligem Pessi-
mismus gegenüber. Er gehört auch nicht zu
denen, welche in der ganzen Geschichte der
Kunst seit der Renaissance nur ein unaufhalt-
sames Sinken in immer bodenlosere Tiefen er-
kennen. Er glaubt, seine Nichtvoreingenommen-
heit nicht besser beweisen zu können, als indem
er gleich zum Beginn dieser Studie die Licht-
seiten, die Erfolge und Fortschritte der heutigen
Malerei so vollständig verzeichnet, als sie ihm
zum Bewufstsein gekommen sind.

Dieselbe verdient vor allem ein glänzendes
Fleifszeugnifs. In der That, kaum zur Zeit
der Viel- und Schnellmalerei am Ende des
vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts ist so-
viel gemalt worden wie heutzutag. Wieviel
Fleifs und Schweifs, welche Summe von unver-
drossener Arbeit repräsentirt nur eine einzige
der Münchener Jahresausstellungen, repräsentirt
oft ein einziges dieser dreitausend Bilder! Wie
viele Hände müssen mit rastlosem Fleifs ar-
beiten, bis diese Hunderte von Quadratmetern
Leinwand bemalt sind, bis man jährlich diese
etliche sechzig Säle füllen und daneben noch
in viel kleineren Intervallen als früher grofse
internationale Ausstellungen veranstalten kann!
Wir können zunächst von Ziel und bleibendem

Erfolg dieses Arbeitens ganz absehen; dem Eifer
und der Intensivität desselben werden wir unsere
Anerkennung nicht versagen. Arbeit ist Macht,
Arbeit ist Leben, Arbeit ist der Grundfaktor
für die Weiterentwicklung einer Wissenschaft
oder Kunst.

Man findet bald, dafs dieser neu erwachende
frohe Eifer, dieses rüstige Schaffen und Streben
hauptsächlich die Folge davon ist, dafs manche
Kette zerbrochen, mancher Schulzwang gesprengt
wurde, und man kann sich zunächst auch hier-
über freuen. Der Bann der Antike, welcher
von der Renaissance an sich immer beengender
um die Brust der Malerei gelegt hatte, welcher
nach dem verunglückten Befreiungsversuch des
Zopfes in der Periode des Klassizismus seine
Herrschaft mit neuen Ketten sicherte, welcher
die Akademien bis in die letzten Zeiten völlig
regierte, ist jetzt ganz gefallen, und eine Kunst
regt ihre Schwingen, die von deutschem Boden
sich nährt und in deutscher Luft athmet. Diese
Kunst kommt nach und nach auch wieder in
einige Fühlung mit dem Volk, dem sie sich ganz
entfremdet hatte. Sie mischt in ihre Farben
einen starken Tropfen demokratischen Oels; sie
wendet sich wieder dem Volksleben zu und ent-
deckt in ihm wieder jene reichfliefsende Quelle
schöner, rührender, poetischer Züge und Motive,
aus der die altdeutsche Kunst mit solchem Ge-
schick zu schöpfen wufste. Ja in neuester Zeit
— wie wir noch sehen werden, kein ganz un-
bedenkliches Unterfangen — hat sie noch um
einige Schichten tiefer ins Volksleben gegriffen:
sie wendet sich nicht mehr blofs dem dritten,
sondern dem vierten Stand zu; sie kehrt in den
Fabrikräumen ein, wo der Sklave der Maschine
arbeitet; sie befafst sich mit den socialen Be-
strebungen, mit den socialdemokratischen Um-
trieben, Versammlungen, Aufständen; die Ge-
stalt des Fabrikarbeiters mit den schwieligen
Händen, dem schmutzigen Gewand, dem rus-
sigen Gesicht ist keine seltene Figur mehr auf
ihren Bildern. Wir anerkennen zunächst gerne
auch hierin nicht blofs eine Erweiterung des
Gebiets, welche zu neuem Schaffen spornt, son-
dern auch einen lobenswerthen Charakterzug
der modernen Malerei, welcher gesunder und
sympathischer ist als der hohle Aristokratismus
ihrer Vorgängerin, die fast nur mehr das Par-
quet betrat und oft so widerlich nach dem Sa-
lon duftete, auch als der affektirte Klassizismus
der früheren Malerei, der doch dem eigent-
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