Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 6.

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Gottes gemalt hat. Aber es ist dem Maler nicht
zum mechanischen Abschreiben und Abmalen
gegeben, sondern zu vernünftiger, freier Be-
nützung. Er soll aus ihm schöpfen, — dazu
bedarf es aber schöpferische Kraft und Thä-
tigkeit des eigenen Geistes. Die Natur, welche
er darstellen will, dieses Stück Wirklichkeit, Land-
schaft, Thier- oder Menschenleben mufs er durch
sein Auge in sein Inneres aufnehmen, ideal ver-
arbeiten, künstlerisch umbilden, gleichsam wieder-
gebären, mit Leben, Geist und Seele ausstatten
und so auf die Leinwand übertragen. Ist es
nur durch seine Extremitäten gegangen, führte
dessen Werdegang blofs durch die Augen in die
Finger, ohne dafs Geist, Herz und Seele davon
wufsten, so wird es todt und leblos sein. Das
Streben nach Natürlichkeit wird sich jämmer-
lich überschlagen; seine Produkte werden vor
lauter Natürlichkeit unnatürlich sein. Auf diesem
Abklatsch der Natur wird kein Strichlein, keine
Farbennuance fehlen, nur Eines — aber dieses
Eine ist alles: das Leben. Er wird sich zur
wirklichen Natur verhalten wie ein anatomisches
Präparat zum lebenden Organismus. Dieser Aus-
schnitt aus der Natur wird nicht mehr partizi-
piren an dem alldurchdringenden Leben, das
die Natur durchpulst, und ein anderes, höheres,
geistiges Leben wufste sein Schöpfer ihm nicht
zu geben, eben weil er nicht Schöpfer ist son-
dern Kopist, nicht Vater und Erzeuger sondern
elender Plagiator. „Von rechtswegen", sagt sehr
richtig der Verfasser von »Rembrandt als Er-
zieher«, „darf der Künstler nur so viel Natur-
studium in sein Werk legen, als er ihm an Ideen-
gehalt ausgleichend gegenüberzusetzen hat; legt
er mehr Naturstudium hinein, so giebt er damit
nur todte Natur."

Und jemehr der Künstler in dieser rohen,
geistlosen, mechanisch kopirenden Weise nach
Natürlichkeit strebt, desto unfähiger wird er,
überhaupt die Natur noch zu verstehen und zu
erfassen. Sie ist ein zartes Wesen; wer ihr nicht
mit offener Seele und sympathischem Herzen ent-
gegenkommt, dem offenbart sie sich nicht. Vor
diesen Künstlern, die ihr mit ihrer Staffelei und
borstigen Pinseln auf den Leib rücken und mit
raffmirter Technik kalten, gefühllosen Herzens sie
zu seziren anfangen und ihr ihre Geheimnisse ab-
zwingen wollen, — vor ihnen zieht sie sich in
sich selbst zurück und entschleiert sie ihr Ant-

litz nicht. Daher kommt es, dafs diese Malerei
die grofse Demüthigung erleben mufste, von einer
Konkurrentin, die tief unter ihr steht, die sie nie
als ebenbürtig anerkennen würde, übertroffen und
übertrumpft zu werden: die Photographie mit
ihrem rein mechanischen Reproduktionsverfahren
leistet für Wiedergabe der Natur und Wirklichkeit
mehr und leistet es auf viel einfachere Weise; sie
ist immer noch pietätsvoller und noch viel objek-
tiver, und hat sie sich vollends ganz zur Fähig-
keit chromatischer Wiedergabe erschwungen, setzt
sie ihre vornehme Nebenbuhlerin schachmatt. Die
Linse des photographischen Apparats ist immer
noch schärfer als die Linse des menschlichen
Auges und sie kann mehr zumal umspannen;
auch die Kopie, die er liefert, ist genauer und
treuer.

Das falsche Formalprinzip: Natur ist Kunst
und Naturnachmalung ist Malerei, mufs zum Fall
gebracht werden. Es hat unendlichen Schaden
angerichtet. Seine Konsequenz ist eine jämmer-
liche Verarmung der Malerei und eine rechts-
widrige Schmälerung ihres Herrschaftsgebiets; ihr
bleibt nur das Reich der Wirklichkeit, d. h. der
Wirklichkeit der fünf Sinne; sie verliert das ganze
grofse Reich der psychischen und geistigen Wirk-
lichkeiten. Seine Konsequenz ist der Untergang
der religiösen und der Historienmalerei. Ihm
danken wir Historienbilder ohne Geist und Seele,
religiöse Bilder ohne religiösen Hauch, gemalte
Kostüme, durch welche überall die Glieder des
Modells durchscheinen; ihm geist- und herzlose
Schilderungen des Volkslebens, die frech mit den
herzerfreuenden Bildern unseres Knaus, Vautier,
Defregger rivalisiren, ihm Landschaftsbilder, de-
ren Farben uns in die Augen brennen, die uns
aber eiskalt ans Herz greifen, — lauter Kunst-
produkte, bei welchen alle fünf Sinne eifrig mit-
gearbeitet haben, bei welchen aber der sechste,
wichtigste, der Kunstsinn, nichts zu thun hatte,
welche unsere fünf Sinne afficiren, aber unserm
Innern nichts zu sagen haben, — Bilder, welche
die Natur nicht darstellen, sondern morden, wel-
che das Volksleben nicht schildern, sondern
entgeisten und verblöden.

Im nächsten Hefte wollen wir zwei neuere
Spezialschulen des Naturalismus besprechen, von
denen die eine Ziel und Zweck der Malerei in
der Wahrheit sucht, die andere in der Farbe.

Tübingen. Paul Keppler.
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