Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 9.

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liehen Zustand befindlichen Kapelle auszuarbeiten,
glaubte derselbe, um eine weitere Erforschung
des Bauwerkes zu ermöglichen, von einer Er-
neuerung abrathen zu müssen. Da nämlich der
ehemals als Pfalzkapelle dienende, jetzt nicht
mehr in kirchlichem Gebrauche befindliche Bau
wohl niemals gottesdienstlichen Bestimmungen
wiedergegeben wird (weil zu klein und aufser-
halb der Stadt gelegen), so kommen hier aus-
schliefslich kunstarchäologische Gesichtspunkte
in Betracht. Diese dürften aber die Ansicht
rechtfertigen, dafs der gegenwärtige Zustand des
Baues mit allen Veränderungen, welche er im
Laufe der Jahrhunderte in gröfserem Mafse er-
litten hat, möglichst gewahrt bleibe. Denn nur
so werden zu einer gründlichen Untersuchung
und Beurtheilung auch in Zukunft sichere An-
haltspunkte geboten, während solche bei einer
Erneuerung gröfstentheils für immer verloren
gehen würden. Auch wäre eine vollständige
Wiederherstellung in den ursprünglichen Zustand
geradezu unmöglich, da dieser nur noch in Be-
zug auf einzelne, niemals mehr mit Sicherheit auf
sämmtliche Bautheile festgestellt werden könnte.

Es möge diese Ansicht, soweit es hier der
Raum gestattet, wenigstens in Bezug auf einzelne
Bautheile etwas näher erörtert werden. Handelt
es sich doch sowohl um Gesichtspunkte prin-
zipieller Bedeutung, sofern sie die Restauration
alter Bauwerke berühren, als auch um solche
Fragen, welche von kunstgeschichtlichem Inter-
esse sich auf den ursprünglichen Bestand eines
werthvollen alten Gebäudes beziehen.1)

Zunächst fragt es sich, ob der mittlere Raum,
welcher in späterer Zeit flach gedeckt und dar-
über mit einer in Ziegelmauerwerk ausgeführten
thurmartigen Erhöhung versehen worden ist, ur-
sprünglich ebenfalls eine flache Holzdecke, oder
wie der Aachener Bau ein achtseitiges Kloster-
gewölbe gehabt habe. Das letztere ist von Olt-
mans angenommen, während Hermann zuerst,
und zwar mit Recht, darauf aufmerksam gemacht
hat, dafs das von Aachen verschiedene Wölb-
system des oberen Umganges (ursprünglich ein-
fache Kreuzgewölbe) und die Blendbögen des

') Die Fig. 1 und 2 sind nach einer Abbildung bei
Reusens, »Elements d'arch.c I, S. 335 clichirt. Derselben
liegt die Oltmansche Rekonstruktion zu Grunde. (Die
Ansicht Fig. 1 ist in der Queraxe, der Vertikalschnilt
Fig. 2 in der Längenaxe der Kapelle gezeichnet.) Der
in kleinerem Mafsstab ausgeführte Grundrifs Fig. 3
ist der Abhandlung von Hermann entnommen.

Mittelbaues bezw. die Höhenlage derselben und
der Fenster das ehemalige Vorhandensein eines
Gewölbes sehr unwahrscheinlich machen. Wenn
man hingegen eine flache Decke (wie bei Her-
mann a. a. O. Taf. VIII) annimmt (und zwar wohl
ein wenig höher als dort, d. h. bei a b in den
Figuren 1 und 2), so erhält man weit bessere
Verhältnisse. Bei einer Restauration entstände
dann die Frage, ob die Balkenlage eine offene,
d. h. einen freien Durchblick in den Dachstuhl
gestattende, oder, wie wahrscheinlicher, eine
geschlossene gewesen sei. Auch über die Art
und Form der Holzkonstruktion der Balkenlage
und des ursprünglichen Zeltdaches, seiner Stei-
gung und Eindeckung lassen sich nur Ver-
muthungen, keine durchaus sicheren Angaben
machen. Die besseren Gebäude waren zwar in
karolingischer und frühromanischerPeriode (über
die Entstehungszeit der Kapelle s. w. unten) an
Stelle vonHolzschindeln meist mitBleideckungen2)
versehen, doch zuweilen ist auch anderes Metall
z. B. Kupfer3) oder Zinn4) verwendet worden.
Auch Dachziegel scheinen diesseits der Alpen
nicht selten schon in karolingischer Zeit ver-
wendet worden zu sein.6) Ueber deren Form
ist aber vielleicht weniger zu ermitteln als über
diejenige der Metallplatten. Die letzteren waren,
wie aus Zeichnungen ungefähr gleichalteriger
Handschriften ersichtlich ist, ziemlich grofs, theils
rechteckig, nur unten etwas abgerundet und so
befestigt, dafs ihre Langseiten mit den herab-
laufenden Dachkanten parallel lagen, theils qua-
dratisch oder rautenförmig gestaltet und dann
übereck gelegt. Auch die ehemalige Höhen-
lage des Daches beim Nymwegener Bau ist nicht
ganz sicher zu bestimmen. Sie dürfte dort, wo
oberhalb der ursprünglichen Fenster das ältere
Tuff- von dem neueren Ziegelmauerwerk begrenzt
wird oder noch etwas höher angenommen wer-

2) Wie z. B. in Aachen, Seligenstadt und Lorsch.
(Schneider in »Nass. Annalen« XII, S. 295; Adamy
»Die fränk. Thorhalle zu Lorsch« S. 17; Clemen in
»Westd. Zeitschr.« XI, S. 107; v. Reber »Der karol.
Palastbau« II, S. 53.) J. v. Schlosser hat in den
»Quellenschr. zur Gesch. der karol. Kunst« (1892) noch
weitere Beispiele angeführt. S. daselbst aufser den Urk.
Nr. 112, 113, 176 u. 411 noch: 498, 617, 619, 673,
771, 869 u. ;870.

s) v. Schlosser »Die abendländ. Klosteranlagen
des frühen Mittelalters« S. 30 und »Quellenschr.« Nr. 870.

4) »Revue archeologique« XX, S.81. v. Schlosser
»Quellenschr.« Nr. 14 und 18.

5) v.Schlosser »Quellenschr.« Nr. 11, 573, 759.
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