Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 10.

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Aussehen wiederzugeben. Sehr merkwürdig und
ansprechend war die westliche Vorhalle dekora-
tiv ausgestattet. Bis zum Anfange des Kreuz-
gewölbes sind die Wände ohne allen Schmuck,
einfacher, nicht einmal besonders sorgfältig ge-
arbeiteter Rohbau. Darüber, in der Lage der
Konsolen, zieht sich dann um alle vier Seiten,
nur durch die höher aufsteigenden Portalbögen
im Westen und Osten unterbrochen, ein reicher
Spitzbogenfries, gebildet aus eingemauerten Kalk-
steinplatten, darunter eine dekorative Inschrift,
welche, wie an mehreren anderen preußischen
Ziegelbauten (Thorn, Elbing), aus braungrün
glasirten Thonplättchen mit reich gebildeten go-
thischen Majuskelbuchstaben zusammengesetzt
ist. Die Inschrift lautet: Anno Domini MCCC
LXXXVIII conpleta est cum porticu Ecclesia
Warmiensis. Amen. Die Schildbogenfelder sind
mit spitzbogigen Thonplättchen bedeckt; die in
den vier Ecken auf Konsolen aufsteigenden Ge-
wölbegrate sind wieder in ungewöhnlich reicher
Weise durch kleine Stuckfiguren unter Baldachinen
ausgestattet, was alles der Wand wie dem Ge-
wölbe ein ganz eigenartiges Ansehen verleiht.
„Nimmt man noch hinzu das reich profilirte und
detaillirte, aus schwedischem Kalkstein gebildete
Portal, welches in das Innere der Kirche führt,
so mufs man gestehen, dafs diese kleine Vor-
halle von ungewöhnlicher architektonischer Wir-
kung ist und mit Recht unsere Bewunderung
verdient."1) Vor einigen Jahren wurden die Ge-
wölbe, Wände, Friese, Ziegelplättchen, Rippen
von ihrer dicken Kalktünche befreit, die unteren
Wände bis zum Fries in Rohbau hergestellt.
Eine eigentliche Dekoration steht noch aus.

Auch in der nordöstlichen Ecke des Domes
zeigen sich wenigstens die Anfänge und Ansätze
einer gleichen Dekoration durch in die Wand
eingelegte Thonplättchen: derselbe spitzbogige
Fries, dieselben mit Spitzbogen verzierten Ver-
kleidungsplättchen. Man möchte hieraus schlie-
fsen, dafs vielleicht ursprünglich die Absicht be-
standen habe, alle Wände von dem unter den
Fenstern herumlaufenden Fries ab mit Thonplätt-
chen zu bedecken. Allein die eine spitzbogige
Form zeigende Verkleidung an einer Stelle der
Wand belehrt uns, dafs in diese Ecke einstmals
ein Kreuzgewölbe eingespannt war, welches einen
kleinen Orgel- und Sängerchor trug, und dafs

') Ferd. v. Quast »Denkmale der Baukunst im
Ermland« S. 28 und Taf. XVI.

wohl nur der kapellenartige Raum unter dem
Chor in der beschriebenen Weise ausgestattet war.
Der Gedanke und Wunsch, das Innere des
Domes in seinem ursprünglichen Rohbau, d. h.
in wirklichem, unverhülltem Backsteingefüge,
wiederherzustellen, mufste alsbald aufgegeben
werden, da das Mauerwerk an vielen Stellen
der Wände und Pfeiler, vielleicht um dem Putz
mehr Halt und Festigkeit zu geben, förmlich
zerhackt war, und eine Ausstemmung der schad-
haften Stellen und Erneuerung übermäfsige Ar-
beit und Kosten verursacht haben würden. So
wurde denn der Mörtelanwurf belassen, ausge-
bessert und für eine farbige Dekoration sorg-
fältig präparirt. Freilich hätte man auch auf den
verputzten Flächen der Pfeiler und Wände durch
Malerei einen Rohbau künstlich darstellen können,
wie es der als Dekorateur rühmlichst bekannte
Kölner Meister Michael Welter bei der Kirche
zu Heilsberg (Ermland) gethan hat. Aber gerade
die Dekoration jener Kirche mufs als verfehlt
beurtheilt werden, vielleicht aber weniger des-
halb, weil das Backsteingefüge nur nachgeahmt
ist, sondern weil es in viel zu matten und ver-
schwommenenFarben ausgeführt ist und zu wenig
plastisch wirkt. Aber auch davon abgesehen
kann der höchst reizvolle Wechsel des Tones
und die dadurch bewirkte Belebung der Fläche
durch Malereien niemals vollends erreicht werden,
so sehr man sich auch bemühen mag, durch
einen Wechsel der Tönung der einzelnen Steine
die natürliche Färbung wiederzugeben. Endlich
fiel auch die Erwägung ins Gewicht, dafs die
vielen Altäre an den Pfeilern, theils reich ver-
goldet oder polychromirt, theils in Marmor ge-
arbeitet, sich von den rohen Pfeilern vielleicht
weniger gut abheben würden, als von irgend
einem neutralen Farbenton. So wurde also für
die Pfeiler eine nicht zu dunkle graubraune Farbe
mit einer starken Neigung zu Roth gewählt, und
diese mufs in der That in Bezug auf die Ge-
sammtwirkung als durchaus passend erachtet
werden, sowie auch deshalb, weil dieselbe sehr
leicht und natürlich in das Rothbraun der Rippen-
bündel und profilirten Bogenleibungen überleitet.
Denselben Farbenton, nur etwas weniger ent-
schieden und in mannigfachen Abstufungen,
mufsten auch die Seitenwände erhalten. Die
unteren Theile sind dunkler gefärbt und etwas
bräunlicher gehalten und in der mittelalterlich
konventionellen Weise quadrirt, um dem Roth-
braun der Gewölbe gewissermafsen als Sockel
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