Zeitschrift für christliche Kunst — 22.1909

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1909. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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in dem kölnischen Philosophen-Mosaik bis an
die Quelle jener Pflege der klassischen Literatur-
schätze durch die kirchlichen Gelehrtenschulen
des Mittelalters hinaufsteigen läßt, bis zu jenen
frühen Zeiten, in welchen das erste Zusammen-
fließen christlicher Weltanschauung mit den
Geistesschätzen des klassischen Altertums zum
Glück für kommende Generationen stattfand.
Ich weiß nicht, ob ich mich gemeinverständ-
licher ausdrücke, wenn ich sage, daß wir in
ihm den ältesten Bischofssitz oder wenn ich
sage, daß wir in ihm das älteste Klostergym-
nasium Deutschlands vor uns haben, vom
Griechen, dem Träger des Evangeliums, ein-
gepflanzt in unsere deutsche Erde.

Manches Denkmal der spätantiken oder
frühen mittelalterlichen Welt, welches der
Spaten schon aufgedeckt hat oder noch auf-
decken wird, tritt nunmehr unter eine neue
Fragestellung. Der unserer provinzialen Denk-

mäler Kundige wird hier zunächst einen Blick
nach dem in Trier erhaltenen Musen-Mosaik
hinüberwerfen, das nach Inhalt und Ausdeh-
nung eben auch der Boden einer Schule, einer
Bibliothek und dergl. gewesen sein mag. Selt-
sam, daß uns gerade hier in der Erwähnung
des Erfinders des Flötenspiels, "Ayyig, ein kleiner
Kontakt mit den Schriften des Clemens Alexan-
drinus gegeben ist; indes, dies mag Zufall sein;
daß aber auch hier christliche Lehrer die
wirkenden waren, das ist keineswegs ausge-
schlossen, und wenn die großen Gestalten
der lateinischen Literatur miterscheinen, so
können wir uns daran erinnern, wie ein Hiero-
nymus besonders auch für den Unterricht in
Virgil und Cicero eintrat. 7)

Köln. Joseph Poppelreuter.

7) Vergl. auch: Denk: »Ga!lo-f ränkisches Unter-
richts- und Bildungswesen« (Mainz 1892).

Das alte Glasgemälde der Pfarrkirche zu Capellen-Stolzenfels bei Coblenz.

(Mit Abbildung.)
ie unscheinbare Pfarrkirche der Ge

meinde Capellen birgt im Haupt-
chorfenster ein wertvolles Meister-
werk rheinischer Glasmalkunst, das
im Jahre 1830 örtlicher Überlieferung gemäß
aus der abgebrochenen gotischen Kirche an
seinen derzeitigen Standort übertragen wurde.

Ende Juni 1909 ward das kostbare Denkmal
meiner Werkstätte zur Instandsetzung anver-
traut, wo mein Sohn sich der zwar äußerst
mühevollen, aber dankbaren Aufgabe unterzog.

Die Breite der Felder schwankt zwischen 56 und
57, ihre Höhe zwischen G8 und 68,5 cm. Patina
war bloß wenigen Gläsern aufgelagert, dem Blau und
dem sonst in der Regel unversehrt bleibenden Grün als
dicke, weißgraue Schicht, dem Rosaviolett als dunkle
Kruste, diese Farbe in warmtonigcs Braun verwandelnd.

Das weiße Glas, ziemlich klar, vorwiegend fast
farblos, zeigt teilweise einen Stich ins Gelbliche; in
der Glasmasse zerstreute Bläschen, auf der Oberfläche
vereinzelte flache Striemen; manche Stücke sind wellig
oder buckelig. Farbige Gläser sind spärlich, obend ein
in geringer Flächenausdehnung vertreten, ein stumpfes
Grün, ein sattes Gelb, ein tiefes Blau, ein blasses Rosa-
violett und ein feuriges Rot, letzteres bei Vorderlicht
zu prachtvolle! Weinfarbe neigend.

Silbergelb ist in beschränktem Umfang, jedoch
recht wirkungsvoll benutzt, braungelb an den Haaren
der beiden Johannes, heller bei den Engeln und Pro-
pheten, ganz licht am Buchschnitt und an einzelnen
Gewandteilen.

Angesichts der zweifelhaften Beschaffenheit
einzelner Schwarzlotstellen machte ich an wert-

losen auszuschaltenden Scherben Versuche auf
Brennfähigkeit. Die ausgelaugte Farbe versagte;
offenbar war sie arm an Kieselsäure, über-
sättigt mit Bleioxyd gewesen, weshalb die an
schwach gebrannten Gläsern eingetretene Ver-
witterung neben der Kieselsäure nur die fär-
benden Metalloxyde übrig gelassen hatte. Bei
nochmaligem Brennen hatte nun das Eisen-
oxyd des entglasten Pulvers über die ganze
Oberfläche der Versuchsscherben einen gelb-
lichen bis bräunlichen Hauch abgelagert, der
nur dem Bimsstein oder der Flußsäure wich.
Brennen im offenen Feuer, um den färbenden
Gasen den Abzug zu ermöglichen, Bedecken
mit Kreide, um etwaige Niederschläge aufsaugen
zu lassen, Überziehen mit Fluß, um die Schmelz-
farbe frisch zu verglasen, alle erprobten Vor-
sichtsmaßregeln schlugen fehl. Bezüglich der
Wetterbeständigkeit verdächtige Teile wurden
gegen weiteres Verderben durch Einziehen
einer dünnen Scheibe geschützt.

Erwähnenswert ist ein geglückter Kunstgriff,
der zur Rettung geringfügiger Malspuren auf
dem scheinbar blanken Marienkopf führte.
Nach vergeblichen Untersuchungen entdeckte
ich bei auffallendem Licht unerwartet einen
gut erkennbaren Schimmer des vom Kopftuch
umrahmten Gesichtes. Zeichnerische Wieder-
gabe war ausgeschlossen, weil das hauchartige,
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