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10 —

Liebe. Er konnte nicht anders — und das Opfer
des Verhängnisses wnrde ich. So manche Blüthc
brach der Sturm, auch ich will nicht murren, daß
mir dieses Schicksal beschieden war."
Johann Turgas, der Scharfrichter von Zürich,
starb nnvermühlt, der Letzte seines verachteten Stam-
mes, in hohem Greisenalter. Man sagt, daß er
seinem schrecklichen Amte mit besonderer Liebe zu-
gethan gewesen, und als er hundert Delinquenten
enthauptet, nach alten: Brauche zum Doktor er-
nannt worden sei. Als er gestorben war, fand
man in einem versteckten Fache des Wandschranks
das Souvenir', welches ihm Walpurgis v. Klingen-
berg am Verlobungstage schenkte und von seiner
Hand ein Tagebuch, worin die Geschichte seiner
unglücklichen Liebe und der Fluch seines Ver-
hängnisses niedergeschrieben war.

Lilder aus der französischen Revolution.
I. Die Musseil-ErtritnkmllM in der Loire.
(Siehe das Bild auf S. 80
Keine Empfindung vermag so tief in den mensch-
lichen Charakter einzugreifen, als der Schrecken,
welcher die gewaltsame Umänderung der Negierungs-
form begleitet. Der Boden wankt unter den Schritten
der harmlosen Bürger, man weiß nicht, was der
nächste Tag bringen wird, die allgemeine Angst
vergrößert jedes Gerücht, alle Leidenschaften wachsen,
der Haß, der Neid, die Bosheit treten schamlos
an's Licht des Tages und ringen nut losgelassener
Wuth nach der Herrschaft. Bisher unbekannte
Menschen tauchen plötzlich auf ans dem Volke, grei-
fen keck nach der Gewalt, verkündigen Rache und
bedrohen jede:: Widerspruch mit grauenvollem Tode.
Die Weltordnung scheint zu wanken, die Grundgesetze
der Sittlichkeit und Moral werden als Wahnwitz
verhöhnt und zitternd gehorchen überraschte Gemein-
den und Städte, ja weite Länder, den Bösewichtern,
die es verstanden durch Furcht und Schrecken die
gesunde Vernunft zu betäuben und jeden Wider-
stand zu ersticken.
In solchen Zeiten sehen wir mit Staunen, wie
manche bisher sanft scheinende Natur sich plötzlich
in das Gegentheil verkehrt, wie ruhige Geister jedes
Maß, jeden Halt verlieren. Wir sehen den schwäch-
lichen, stillen Robespierre sich in ein wildes Thier
verwandeln, dessen Launen unberechenbar sind, vor
dessen gigantischer Leidenschaftlichkeit und Tikcke
Millionen erzittern; wir sehen alle die furchtbaren
Schreckensmäuner der ersten französischen Revolution
an uns vorüberfchreiten; ans ihren: rohen Blut-
durst, ihrer wahnsinnigen Eitelkeit, ihren: fieber-
haften Toben tritt uns die verzerrte Fratze der
Unmenschlichkeit entgegen, daß wir uns schaudernd
und mit Eckel abwenden von dieser Nachtseite des
Menschengeistes. Aber dennoch ist es lehrreich, die
schweren Verirrungen zn untersuchen, welche ein
so dunkles, trauriges Blatt der Geschichte bilden.
In der Reihe jener Ungeheuer in Menschengestalt,
welche mit teuflischer Frechheit allen: was gut uud
göttlich ist Hohn sprachen, nimmt eine der hervor-
ragendsten Stellen der Bösewicht Jean Baptist
Carrier ein, der Erfinder der republikanischen Hoch-
zeiten, wie er die Hinrichtung feiner Opfer durch
den Tod des Ertrinkens nannte. Wir geben in
den: Bilde auf 2.12 unseren Lesern eine der vielen
Scenen dieses fürchterlichen Drama's. Von Robes-
pierre 1793 nach Nantes geschickt, um als Richter
die gefangenen Vendeer und alle den: Convent
Verdächtigen abzuurtheilen, wußte Carrier durch
sein Auftreten die Stadtbehörden so einzuschüchtern,
daß Niemand eine Einsprache gegen ihn zu erheben
wagte, als er sein furchtbares Werk damit beganu,
daß er die Gefangeuen ohne Untersuchung und Ur-
theil gnillotiniren ließ. Er organisirte eine Häscher-
bande, welche in der Stadt und Umgebung die
zahlreichen Opfer seines Blutdurstes aufgriff und
nach den empörendsten Martern in die Gefängnisse
ablieferte, wo der sichere Tod sie erwartete. Die
Zahl der Unglücklichen stieg von Tag zu Tag und
Carrier saun auf eine schnellere Todesnot; das
Begraben der Leichen war ihn: zn umständlich;
sein erfinderischer Mordsinn ließ ihn auf den Ge-
danken kommen, die dem Tode Geweihten dem
nassen Grabe der Loire zu übergeben. Eii: erster

Versuch, 94 Priester auf ein Fahrzeug zu bringen,
dessen Boden sich öffnen ließ, sodaß auf ein Signal
die Schlachtopfer in die Tiefe sanken, gelang zn
Carrier's Zufriedenheit und er befahl sofort die
Anfertigung von einer größeren Anzahl so einge-
richteter Boote. Nach Sonnenuntergang wurden
nun die Gefangenen: Greise, Männer, Weiber und
Kinder, entkleidet ans die Boote geschleppt, und in
der Mitte des Stromes sprangen die Fallthüren
auf oder Zimmerlente schlugen mit Aexten die
Schiffswandungen ein, bis die Fluth ihre Beute
hinabriß; nut Spieß und Säbel wurden die gegen
den Tod Ringenden in das Wasser hinabgestoßen.
Um den Anblick der Todesqualen pikanter zu
machen, ließ Carrier die Verurtheilten Paarweise
znsammenbinden und sie so ertränken. Mit der
Zeit wurde er aber hiefür abgestumpft nud ordnete
Mastenertränkungen an, bei welchen gleichzeitig aus
allen Booten die Unglücklichen versenkt wurden.
Bald war das Wasser der Loire verpestet; die
Fische, welche sich nut den verwesten Leichnamen
nährten, wurden krank, so daß der Stadtmagistrat
ein Verbot erlassen mußte, zu fischen. Schaaren
von Geiern und Raubvögeln zogen herbei und ließen
sich krächzend auf den Cadavern nieder, welche
die Wellen der Loire an den Strand geworfen.
Oft wenn die Schiffe die Anker lichteten, wurden
Leichen oder die versunkenen und theilweise nut
Ertrunkeneil gefüllten Boote mit heraufgezogen.
Ansteckende Krankheiten brachen in Nantes aus,
aber Carrier wüthete fort; die Hinrichtungen gingen
ihm noch zu langsam vor sich; er ließ nunmehr in
den Stcinbrüchen in der Nähe von Nantes täglich
500 Gefangene auf einmal erschießen. Man schätzt
die Zahl der von diesen: Scheusal Gemordeten, die
durch Krankheit umgekommenen Gefangenen mit-
gerechnet , auf 16,000, und da nut der steigenden
Zahl der Rausch des Blutdurstes in der Seele des
Wütherichs nur zunahm, so Hütte er vielleicht die
halbe Stadt gemordet, wäre er nicht, nachdem er
gerade einen Monat sein Henkeramt verwaltet, von
Nobespierre, der zufällig damals Anwandlungen
von Menschlichkeit fühlte, abberufen worden, um
feine furchtbaren Maßregeln im Convent zu Paris
zu vertheidigen. Es gelang ihm, sich vollkommen
zu rechtfertigen, welcher Umstand ein grelles Streif-
licht auf die Männer wirft, welche damals Frank-
reich, das an der Spitze der Civilisation zu mar-
schiren auch in jenen Tagen vorgab, beherrschten.
Aber auch Carrier's Stunde schlng; das französische
Volk verlangte seinen Kopf; aber erst nachdem der
Convent die Beweise in Händen hatte, daß der
Bluthund von Nantes wirklich ohne jedes Urtheil,
ohne Prozeß, französische Bürger hatte hinrichten
lassen, mußte er an: 16. Dec. 1794 die Guillotine
besteigen. Er schloß sein Leben mit der tragisch-
komischen Versicherung, daß er stets nach Pflicht
gehandelt habe und unschuldig sterbe. F. C. Sch.
Skizzen ans Japan.
I. Das Fest des Miodjin.
(Siehe das Bild auf S. 9.)
Die Religion der Japanesen ist 'ursprünglich eine
erhabene und es liegt ihr eine tiefe Auffassung der
Schöpfung, fowie eine echt philosophische Erkenntniß
der Nichtigkeit aller menschlichen Dinge zu Grunde.
Der reine Pantheismus dieser Religionsanschauung,
welche den Urvater aller Götter aus der ersten Be-
wegung des Chaos entstehen ließ, entartete im Laufe
der Zeit; der Ccrcmoniendienst, das Aeußerliche wurde
zur Hauptsache und heute ist der ethische, innere Kern
der reinen Göttcrlehrc fast bis zur Unkenntlichkeit
entstellt. Der Urvater aller Götter galt für viel zu
erhaben und heilig, um von sterblichen Menschen
direkt in: Gebete angesprochen zu werden.
Hiefür war eine Reihenfolge Untergötter bestimmt,
deren Oberster, Tensis Dai Dsin, von allen den
zahlreichen Religionsscktcn Japans angebetct wird.
Neben diesen Göttern werden noch die Kami, die
Seelen verdienstvoller und tugendhafter Menschen,
verehrt, und das Volk von Japan wallfahrtet zu diesen
Helden uud Heiligen, und wie die Bildnisse der Götter
werden auch die Statuen dieser Heiligen alljährlich,
während der Tempel, in welchem sie wohnen, ge-
reinigt wird, in feierlichem Triumphe umhcrgctragcn.
Diese Processioncn gestalten sich immer zu großartigen
Volksfesten, und bei der Menge der Götter und Kami

fehlt es den Japanesen nicht an häufigen Wieder-
holungen derselben, bei denen die Pracht der glän-
zenden, farbigen Kostüme und die bizarre, lebhafte
Phantasie dieses Volkes entfaltet und zur Geltung
gebracht wird. Da fehlt kein theatralischer Pomp,
da wird nichts vergessen, was die Augen und Sinne
zu reizen vermag; Musik, Tanz und Pantomimen
wechseln ab mit Maskenzügen und dramatischen Dar-
stellungen; prachtvolle Beleuchtungen, Scheibenschießen
mit dem Bogen, Pferderennen und Ringkämpfe finden
statt; wie auf unseren Jahrmärkten werden Schau-
bühnen errichtet, große Zuschaucrzelte aufgeschlagen;
Glückshäfen und Lotterieen locken den Japanesen nicht
weniger als uns, und in einer Menge von Buden
sind,Früchte, die Fische der Jahreszeit, Gebäck und
Süßigkeiten, sowie Fächer, Sonnenschirme, Nippsachen
aus Strohgeflecht, Papierlaternen und Kinderspiel-
zeug zum Verkauf ausgestellt.
Eine der großartigsten dieser Festlichkeiten findet
alle zwei Jahre zu Ehren des heiligen Miodjin statt,
der im urgrauen Alterthum einen bösen gewaltigen
Dämon erschlagen hat. Das Bild des tapferen
Miodjin, auf einen: Wagen von Stieren und einer
Unzahl begeisterter Japanesen an heiligen Stroh-
seilen gezogen, eröffnet den Zug; hierauf folgt eine
Fahne, deren Inschrift die Thaten des Helden in
mystischen Zeichen verherrlicht; (siehe Bild S. 9);
hinter dieser naht sich der häßliche Kopf des Dä-
mons, über welchen der Heilige trinmphirte.
Mit Schrecken betrachten die guten Japanesen die
gewaltigen Hörner, die verzerrten Gesichtszüge, die
blutdürstig stierenden Augen, die rothe Haut und die
mächtigen Kinnbacken. Um den Eindruck zu erhöhen,
blasen die Bonzen oder Priester in große Muschel-
trompeten und bringen damit ein wahrhaft betäuben-
des Gebrüll hervor, daß sich die Pferde der Krieger
wild aufbäumen, welche als Ehrenwache hinter der
riesigen Axt reiten, womit Miodjin den Dämcn
erschlug, wohl eingedenk des Sprichwortes, daß auf
einen groben Klotz ein grober Keil gehört. Die
übrigen Theile des Zuges bestehen aus den Geräth-
schasten des Tempels, aus hohen Würdenträgern des
japanesischen Kultus, aus Reliquien aller Art; Gaukler
und Tänzer und die, bei derartigen Anlässen nie
fehlenden religiös Begeisterten oder Besessenen schließen
den Zug. — Obwohl diese religiösen Gebräuche und
Feierlichkeiten längst die Einfachheit eingebüßt haben,
welche sie zur Blüthezeit des Kami-Kultus besaßen,
obwohl sie heutzutage nicht mehr der Ausdruck eines
starken Nationalgefühles sind, das in der Religion
seinen Schwerpunkt suchte und fand, obwohl sie nun-
mehr des eigentlich moralischen Gehalts entkleidet und
zu bloßen Schaugeprängen herabgesunken sind, —
so besitzen sie doch für uns den Reiz der Neuheit;
ist uns doch China und Japan erst seit kurzer Zeit
zugänglicher geworden, so daß wir hoffen dürfen,
unsere Leser noch öfter über die seltsamen Sitten
dieser Länder zu unterhalten. F. C. Sch.

Eine Herrath wider Willen.
Erzählung
von
Ktfrid Wyttlls.
Ich hatte meine medicinischeu Studien und
Reisen vollendet, meine Prüfungen bestanden und
war zur Praxis zugelassen. Die Frage war nun:
wo sollte ich mich niederlassen? Meine Vater-
stadt war zwar eine volkreiche, wohlhabende, aber
mich kannte Niemand. Meine Eltern waren kurz
vor meiner Geburt cingewandert und hatten weder
Verwandte noch einen zahlreichen Kreis von Be-
kannten und Freunden gehabt, und ich getraute
mich zwar wohl, eine Operation zu machen oder
einen nicht allzu gefährlichen Fall zu behandeln,
allein ich war mehr Büchermensch uud Stuben-
hocker als Weltmann; ich hatte ein gar zu ge-
ringes Maß von jenem Selbstvertrauen und jener
Ungenirtheit, welche ein junger Arzt haben muß,
wenn er eine sashionable Praxis bekommen soll.
Ich verfehlte zwar nicht, meine Dienste in den
Zeitungen anzubieten und ein Messingschitdchen
mit „Wilibnld Gwiuner, vr. meä. sk ellin. und
Geburtshelfer, Sprechstunden von 1—-4 Uhr"
neben den Zug meiucr Nachtglockc setzen zu lassen;
 
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