Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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CHRONIK

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In diesen Blättern ist es oft ausgesprochen worden,
was Hugo von Tschudi unserem Kunstleben bedeutet.
Vor kurzem noch konnte gezeigt werden (im Februar-
heft des fünften Jahrganges), dass die Deutschen diesem
Mann die Anfänge einer wahrhaften nationalen Galerie
verdanken. Man mag also ermessen, mit welchen Ge-
fühlen wir die Nachricht aufgenommen haben, dieser
charaktervolle Organisator solle moralisch gezwungen
werden, sein Amt niederzulegen. Lange hat eine Nach-
richt nicht so lebhaft ergriffen, trotzdem man abge-
härtet sein könnte.

Der Groll der akademisch Rückständigen gegen
Tschudi ist alt. Einflussreiche unter ihnen, die mit der
Placierung ihrer schlechten Bilder unzufrieden sind,
liegen dem Kaiser, direkt oder indirekt, seit Jahren mit
entstellenden Berichten in den Ohren.

Über die Umstände, die nun zur Krisis geführt haben,
soll heute noch nicht ausführlich gesprochen werden.
Es handelt sich um nicht vorherzusehende Willens-
änderungen des Kaisers, die Tschudi in peinliche geschäft-
liche Verlegenheiten gebracht und denen der Minister
sich in befremdlicher Nachgiebigkeit gebeugt haben;
um einen durchsichtig diplomatischen Rat, Tschudi

möge Urlaub nehmen und um andere Vorgange dieser
Art, die sich nicht sachlich, sondern höchstens bureau-
kratisch formalistisch rechtfertigen lassen. Endgültige
Entscheidungen sind noch nicht gefallen; manschwankt
hier und da noch, ob man dem Wunsche folgen soll
oder der Pflicht. Wir wollen hoffen, dass man zur Be-
sinnung komme. Geschieht es nicht, so muss Alles ge-
sagt werden. Die Rolle aller Beteiligten ist bekannt.

Wir stehen jetzt an einer Grenze.

Bruno Pauls Stellung, die er seit wenigen Monaten
erst bekleidet, gilt ebenfalls als schwer erschüttert; der
Kaiser ist wütend über diese Wahl. Und Unruhe und
Nervosität herrscht auch in dem Teile des Ministeriums,
wo Muthesius, der Reorganisator des kunstgewerblichen
Unterrichtes in Preussen, wirkt. Es will Einem sogar
wieder ungewiss werden, ob Messel zum Bauen der
Museen überhaupt kommt; und eben erleben wir es,
dass man 70 deutsche Künstler zum besten hatte, als
man ihre Vorschläge zur Umgestaltung des Branden-
burger Thors einforderte, weil damals schon Ihne mit
seinem kindischen Entwurf im Hintergrund als Be-
günstigter stand. Nun kommt diese Affäre Tschudi hinzu.
Und das in dem Augenblick, wo er die Vorarbeiten

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