Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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Gustav Glück: Niederländische Gemälde aus der
Sammlung des Herrn Alexander Eritsch in Wien. 1907.

Bei der vorzüglichen Ausstattung der Publikation —
25 Heliogravüren und j Radierungen von Unger — ent-
täuscht manchmal die Qualität der Bilder. Wer noch
kein Freund der holländischen Kunst ist, wird hier nicht
gewonnen werden; nur wer es ist, wird dankbar sein,
grosse Meister wie Rubens, van Dyck, Albert Cuyp,
sei es auch in schwachen Stunden, bei der Arbeit zu
sehen und kleinere Künstler von neuer Seite kennen zu
lernen. Das gute Mittelmass in der holländischen Ma-
lerei ist nicht für Jedermann erträglich, wenn es, wie
oft in den Museen, in breiten Massen aufgehäuft ist.
Man verzweifelt beim Suchen nach überragenden Wer-
ken, die unter einer Schar halbverstandener Nachahm-
ungen verschwinden. Ist aber, wie in der Sammlung
Fritsch, der Bilderkreis nicht zu gross, so folgt mangern
einer guten Führung, die von einer geschlossenen An-
schauung aus jedes Werk von der Seite beleuchtet, von
der es sich am besten präsentiert und so aus schein-
bar zerstreuten Bemerkungen ein Bild des künstlerischen
Strebens der Zeit entwirft. Diese Art der Darstellung
ist vor Werken kleinerer Meister die einzig mögliche.
Wenn noch keine eingehende Charakteristik aller hollän-
dischen Kleinmeister in historischer Folge geschrieben
ist, so ist die Malerei schuld. So reizvoll die einzelnen
Künstler für sich gesehen sind, so steht die Masse
zu sehr auf demselben Niveau des Könnens. Mit
richtigem Empfinden haben daher die besten Kenner
der niederländischen Kunst, Bode, Bredius und Hofstede
de Groot, ihre Studien in die gleiche Form wie der
Herausgeber der vorliegenden Publikation gekleidet: in
den Text zu Reproduktionswerken kleinerer Sammlun-
gen, Ausstellungen oder Versteigerungen. Solche Werke
werden freilich schneller vergessen als wissenschaftliche

Kompendien mit allgemein gefasstem Titel, wenn die
Gelegenheit, für die sie geschrieben waren, vorüber ist.
Wer sich über die Niederländer gründlich orientieren
will, wird nicht leicht darauf verfallen, Bodes Werk
über das Schweriner oder das Oldenburger Museum oder
Hofstede de Groots Text zu der versteigerten Samm-
lung Schubart in München zu befragen. Gleichwohl ist
es ein Glück, dass in der Kunstwissenschaft die Gelegen-
heitswerke bedeutender sind als die Fachschriften und
die Forschung sich nicht übersichtlich und konsequent
entwickelt wie in anderen Wissenschaften. Sie ist mit
dem aktiven Leben noch zu eng verbunden, als dass sich
die Interessen an den Tagesfragen immer von denen des
Gelehrtentumes trennen Hessen.

Verglichen mit jenen älteren Publikationen, vertritt
der Text G. Glücks eine etwas veränderte Auffassung,
die den allgemeinen Fortschritten der Wissenschaft ent-
spricht. Im Vordergrund steht nicht mehr das Bestim-
men der Bilder auf ihren Künstler — darin ist das We-
sentliche bereits geleistet — ; auch bei kleineren Meistern
ist versucht worden, eine künstlerische Entwicklung zu
rinden und der formalen Auffassung der Werke gerecht
zu werden.

Einen besonderen Hinweis verdient noch ein Exkurs
des Verfassers über die niederländische Architektur-
malerei, der durch eine Reihe guter Kircheninterieurs
von Hendrik van Vliet, Emanuel de Witte und Peter
Neefs veranlasst ist. Wie die Künstler mit zunehmen-
dem Können auf linearperspektivische Kunststücke ver^
ziehten, ja zuletzt das Linienschema denkbar einfach,
nur mit wenigen Vertikalen und Horizontalen bilden,
um einen freien Spielraum für die Schilderung der Luft
und des Lichtes zu gewinnen, ist treffend in der dem
Verfasser eignen klaren und geschickten Darstellungs-
weise geschildert. W. Valentiner.

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NACH DER ORIGINALZEIC1INUNG NACH DEM FARBIGEN HOLZSCHNITT

WILHELM BUSCH, ZEICHNUNG ZUR „STRAFE DER FAULHEIT"

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