Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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ein Jahr her, dass Murher im „Morgen" (Nr. 3 vom
28. Juni 1907) einen „Gruss an Max Liebermann" ver-
öffentlichte, der einem Dithyrambus gleichkam. Er
lobte mit der ihm eigenen Geläufigkeit schlechthin alles
an Liebermann, lobte mit so vollen Backen, dass man
meinen sollte, der Gepriesene hatte ganz verlegen wer-
den müssen. Was soll man z. B. dazu sagen, wenn
Muther schliesslich mit vor Begeisterung versetzter
Stimme in die Worte ausbricht: „Die ungeheure Thar-
sache, dass wir endlich in Deutschland eine kultivierte
Kunst zu bekommen scheinen (— NB. warum scheinen,
wenn docli von Thatsachen die Rede ist? —) ist in erster
Linie auf seinen (d. h. Liebermanns) Einlluss zurückzu-
führen." — Es gibt Komplimente, die ebenso angenehm
wirken wie ein allzudickes Blumenbukett, das dem
Triumphator an den Kopf lliegt.

Noch nicht elf Monate sind seitdem verstrichen, da
veröffentlicht dieser selbe Muther in diesem selben
„Morgen" einen Artikel, der von Verachtung und Hass
gegen die Berliner Sezession, von der ihr Häuptling
Liebermann keineswegs ausgenommen wird, geradezu
trieft.* Kein gutes Haar wird an ihr gelassen. Lieber-
manns Reden trivial! (als ob Muthers Beredsamkeit es
nicht wäre). „Dass die Rolle der Sezessionen ausge-
spielt ist, war ja schon lange bekannt." (1907 schien
es Muthern noch keineswegs bekannt zu sein.) Dann
macht er sich über die Parvenüs lustig, die sich die raf-
finiertesten Bilder kaufen, von denen sie nichts ver-
stehen. (1907 hatte er es an Liebermann gepriesen, dass
er „die Reichen anleitete, nicht mehr Schlechtes, sondern
Gutes zu kaufen"). Es folgen die abgedroschensten
Tiraden über die lächerlichen Preise, die wir für „fran-
zösische Ladenhüter" ausgeben. (1907 hatte er mit
Emphase ausgerufen: „Und die Ausländerei! Kennt
die Kunst Landesgrenzen?" . . .) In der Sezessions-
ausstellung entiüstet er sich „über die vielen weiblichen
und besonders männlichen Akte, die den accent aigu
auf die Geschlechtsteile legen". (Aber Mutherchen, das
durfte nicht kommen! Sie waren doch selber bekannter-
massen nicht so. — Wissen Sie noch, dass Sie in Ihre
„Meisterholzschnitte" aus der Hypnerotomachia aus-
gerechnet das Priapusopfer aufnahmen und erinnern
Sie sich denn gar nicht mehr des Missfallens, das Sie
wegen der Vorliebe erregt haben, mit der Sie bei Rem-
brandts Erotik verweilten? —) Dann sagt er der Sezes-
sion nach, dass sie ein „kaufmännischer Klub" geworden
sei, bei dem die finanzielle Geschicklichkeit weit mehr
imponiere als der artistische Wert ihrer Darbietungen.
(Ich bitte, hiermit den schönen Absatz zu vergleichen,
in dem Muther den praktischen kaufmännischen Sinn
Liebermanns preist. Seite 86" der Nummer vom
S.Juni 1907).

Zum Schluss wird Muther pathetisch und brennt sich
selbst zu Ehren ein Feuerwerk ab. Das wirkt unwider-

(Nr. 19 vom 8. Mai 1908).

stehlich — tordant würde man in Paris sagen. . . . „in
unserer Hand liegt das Schicksal der deutschen Kunst.
Wir sind die Dirigenten der kleinen Kasperletheater, die
sich Ausstellungen nennen ... Mit leisem Fingerspiel
lassen wir unsere Marionetten gross in die Höhe schnel-
len, um sie im nächsten Augenblick platt zusammenzu-
drücken. Mit lächelnder Miene setzen wir ihnen einen
Lorbeerkranz auf, um im nächsten Moment (!) den
lorbeerbekränzten Kopf unter die Guillotine zu legen.
(Er denkt vermutlich an Liebermann.) Und es ist kein
boshaftes Spiel . . ." (Nein, natürlich nicht! — Es ist
nur komisch, so komisch wie ein Gedicht von Friederike
Kempner).

-SS-

Gustav Schief ler: 1) das graphische Werk Max Lieber-
manns. 2) Verzeichnis des graphischen Werkes Edvard
Munchs. BeidesbeiBrunoCassirer,Berlin. PreisjeMk. 20.

Die Katalogisierung des graphischen Werkes leben-
der Künstler ist, wiewohl sie notgedrungen nur einen
vorläufigen Abschluss erreichen kann, dennoch nichts
Müssiges und Überflüssiges, weil manches in flüchtiger
Laune entstandene Blatt rasch einen kaum kontrollier-
baren Weg nimmt, mannichfaltige „Zustände" den Über-
blick erschweren, und weil schon nach kurzer Frist die
Daten und Angaben sich auffallend verwirren. Dem
Sammler, Mäcen und allen Interessenten muss aber
daran liegen, diese Dinge möglichst lückenlos zu über-
schauen, um mancherlei Irrtümern thunlichst vorbeugen
zu können. Nicht minder auch wird unsere psycholo-
gische Einsicht in ein individuelles Kunstschaffen sowie
die Möglichkeit einer auf solider Grundlage sich be-
wegenden ästhetischen Bewertung wesentlich gefördert
durch Alles, was Ordnung in ein Werk bringt. Darum
konnten wir schon vor zwei Jahren, als F. v. Schubert-
Soldern uns im Auftrage der E. Arnold'schen Hofkunst-
handlung in Dresden ein trefflich ausgestattetes Ver-
zeichnis der Radierungen von Anders Zorn, vorlegte,
unserer Genugthuung Ausdruck verleihen; und in nicht
geringerem Masse ist es jetzt der Fall, wo wir durch
den Hamburger Sammler G. Schiefler einen genauen
und sorgfältig gearbeiteten Überblick über die so ver-
schiedenartigen graphischen Werke Max Liebermanns
und Edvard Munchs erhalten.

Die Wahl und Zusammenstellung dieser beiden
Künstler (in übrigens völlig getrennten Büchern) mag
auf den ersten Blick etwas Überraschendes haben; sie
ist aber doch jedenfalls nicht zufällig. Gewiss, die Indi-
vidualität der beiden Künstler, ihre Rasse und Richtung
sind so verschieden wie möglich. Dennoch eint sie
künstlerisches Grundgefühl und starke persönliche Lei-
denschaft. Beide besitzen eine bis zum Fanatismus
gehende Ehrlichkeit; beide opfern dieser Ehrlichkeit
alle Bedenken, die Tradition, Gewöhnung, gefälliger
Geschmack ihnen auferlegen könnten. Beide machen

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