Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

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Über die Ausbildung der Goldschmiede.

2(4. Von St. Schreyögg. (1/75 der mirkl. Gr.)

tigung des Materials uitd des Zwecks, kein Schön-
zeichnen für Schulausstellungen, aber Übung des
Formensinns und des Formengedächtnisses, sowie des
Kunstsinns durch vieles, fleißiges und richtig ge-
leitetes Skizzieren von hervorragenden Schöpfungen
alter Meister in erster Linie und dann von Natur-
gegenständen. Diese Reihenfolge aus dem Grund,
weil es für die Lehrlinge viel schwieriger ist, das
Tektonische aus den Naturformen herauszufinden
als aus guten einfachen Kunstformen. Erst wenn
er an guten, alten Vorbildern seinen Geschmack ge-
bildet hat und allmählich begreifen lernt, was eigent-
lich Stil ist, wird er die Schöitheit der Pflanze und
ihre Brauchbarkeit für fein Gewerbe sehen können.
Der tektonische Ausbau, der ja in allen Pflanzen
mustergültig vorhanden ist, wird von der Natur
eben nicht betont, er ist nur so weit ausgeprägt, als
zum Wachsen und Befestigen der Pflanze unbedingt
notwendig ist. Das Zeichnen fei dem Lehrling
nichts weiter als eine Formenschrist, in der er seine
Vorstellungen rasch, sicher und richtig ausdrücken
kann. Kunstsinn und technisches Können ist die
Hauptsache, das notwendige Wissen schließt sich von
selbst an. Gin Lehrling, der unter sachverständiger
Anleitung und Belehrung zehn Edelsteine gefaßt
hat, wird für seinen Zweck niehr von der Edelstein-
kunde gelernt haben, als wenn er zehn mineralogische
Vorträge gehört hätte. And wenn der Lehrling so

und so viel gotische oder romanische Becher und
so und so viel lebende Pflanzen skizziert und dann
versucht hat, diese Formen in Metall nachzubilden,
dann wird er von selbst auf etwas kommen, was er
in keinem schulmäßig geleiteten Zeichenunterricht
Innen wird, nämlich darauf, daß das Edebnetall
feine besondere Formensprache hat, die sich nicht
vergewaltigen läßt. Während ihm in der Zeichen-
schule vielleicht zugemutet wird, irgend einen Natur-
gegenstand, eine Pflanze z. B., zu „stilisieren", ein
Ornament daraus zu machen, vielleicht mit der An-
gabe, in welchem historischen Stil, aber nicht in
welchem Stoff dieses Ornament ausgeführt gedacht
wird, wird ihm bei gut geleiteter Werkstattarbeit die
Natursorm gaitz von selbst zu einer stilisierteit, einer
Kunstform werden, d. h. sie wird sich durch die Eigen-
tümlichkeit des Edelmetalls und die mögliche Art
seiner Bearbeitung so verändern, daß sie nicht inehr
als ein Erzeugitis der Natur erscheint, sondern als
ein Gebilde, das genau so logisch aus der Eigen-
tümlichkeit des Edelmetalls herausgewachsen ist, wie
die Pflanze aus ihren organischen Bedingungen.
Er wird einsehen, daß eben auch die Natur den
Entwurf nur zutag gegeben „zu gut der uebenden
Jugend", daß aber der Stümper ihn ihr genau so
sklavisch nachmacht wie ein Fabrikant den Entwurf
eiites Architekten, und daß auch der Erfolg der gleiche
ist: hier gräulicher Naturalismus, dort stilwidrige
Gebilde, beide allerdings gleichmäßig bewundert von
der urteilslosen Menge; er wird finden, daß den
historischen Stilen, wenigstens für seine Zwecke, viel
zu viel Wichtigkeit beigelegt wird, und daß in jeden:
Stil Kunstformen sich finden, die nicht auf dem
Papier erfunden sein können, sondern die sich, wenig-
stens in ihrer einfachsten Gestaltung, aus der Bear-
beitung des Materials von selbst ergeben haben.
Einen gotischen Buckelbecher, für Silber vielleicht
die schönste und am meisten charakteristische Gefäß-
form, hätte, weil sie einzig aus der Dehnbarkeit des
Metalles sich erklären läßt, kein „kunstgewerblicher
Zeichner" erfinden können. Er wird auch sehen, daß
hier und da Kunstsormen und Naturformen sich
vollkommen decken, und daß in diesem Falle es gar
nicht itotwetidig ist zu stilisieren: die Blütenkelch-
blätter der wilden Gelbrübe und ein Kranz von ge-
schnittenem Silber am Nbergange des Stiels zum Kelch
eines gotischen Bechers sind beide aus verschiedenen
Bedingungen entstanden und sich doch ganz gleich.
Eiti weiterer Vorteil der Werkstätte ist der, daß man
in der Werkstatt den Lehrling gleich von vornherein
dadurch zu selbständiger Arbeit anleiten kann, daß
man ihm sogleich eine ganze, selbstverständlich noch
ganz einfache aber in sich abgeschlossene und sich
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