Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

Page: 241
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1903_1904/0257
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Akoib Kakmer.

ie Natur erhebt, die Natur erdrückt
und zermalmt. Sie weiß alle
Saiten in unserem Innern zum
Tönen zu bringen, unserem Auge
ewig neue Schönheiten zu ent-
falten. 3™ Frühling dringt sie
mit zartem Grün, Blüten und goldenen Lichtern auf
uns ein; im Sommer erschauern wir vor der Fracht
eines herangrollenden Gewitters; der cherbst, ein König,
zieht im bunten Meide über die Erde, und es er-
glühen alsdann dunkler die Blutbuchen, das Gold
der Blätter wird zu Festen, die Welt ein weiter
farbensatter Teppich. So ist sic immer schön, immer
groß, oft aber zu gewaltig für uns fliehende Menschen.
Wer in der schattenden Einsamkeit eines Urwaldes,
wer über die unermeßlichen Flächen der ungarischen
Tiefebene gewandelt, wem sie im Gebirge ernste
Worte sprach und flammende in der Nacht, der wird
mich verstehen. • Und doch! wir lieben sie immer,
wir beten sie iinmer an, wir wollen die Wechselnde
festhalten. Sonderbarer Bildnertrieb der Menschen-
seele! Er zwingt uns zu schreiben, zu formen, zu
malen. Im Gemälde besonders versuchen wir gleich-
sam ein Spiegelbild der Ewigen zu geben; freilich
gelingt uns meist nur ein kleinliches und trübes. . .

Die Naturalisten mögen zwar anderer Ansicht
sein. Allein auch ein Max Liebermann mag seine
stillen Stunden haben, in denen er wohl wünscht,
der goldne Rahmen möchte eine wirkliche Düne und
keine gemalte umschließen . . .

Immerhin, die Malerei hat große Fortschritte
gemacht. In der Zeichnung ehrt sie nun das Indi-
viduum, im Porträt sucht sie die Seele, in der Ton-
bewertung hat sie feinere Wagschalen eingesührt, die
Technik wurde und erscheint ungemein bereichert.
Die Schotten malen Rosen mit samt dem Duft,
die Franzosen Frauen, blendend in ihrer Nacktheit,

den anderen Völkern gehen auch die zartesten Schwin-
gungen des Lichtes, die tausendfältigen Farbwerte
der Erscheinung, geht das Spiel der Atmosphäre um
die Gegenstände nicht verloren. Aber trotzdem,
trotzdem ... die Natur ist und bleibt doch die
Unerreichte. Da ist es denn gut und wohltuend zu
wissen, daß es Gebiete gibt, auf denen wir keine
Demütigen, sondern Herren sind, daß wir dort und
hier etwas schaffen können, das der Natur gleich
wertig, ja sie an Harmonie übertrifft.

Der Teppich, vor allem der orientalische, stellt
eine in sich abgeschlossene farbige Welt, träumend
von Arabesken und stilistisch ausgeglichenen Dingen,
dar. Das Glasgemälde fetzt mit ungebrochenen,
strömenden und herrlichen Orgeltönen ein . . eint
die Farben zur Musik, und indem es allen Schmelz,
alle Leuchtkraft, alle Pracht, die nur das Auge finden
kann, auf seinen lichtdurchfluteten Flächen vereinigt,
zeigt es uns ebenfalls das Märchenwunder einer
eigenen Welt, die viel blühender, viel sonntäglicher
und festlicher als die unsere alltägliche ist.

Ich kann mir nun recht gut denken, daß inan
kein kleiner Maler sein und dabei Genügen finden
kann am Entwerfen schöner Teppiche. And ich denke
mir, daß der größte Aolorist endlich zur Glasmalerei
greifen würde, um in verhältnismäßig wenigen,
aber ganz erlauchten Tönen die selige Harmonie
der Farben zu schauen . . .

Es liegt ein Reiz in den Farben, der vielleicht
für manchen kauin da, für einen anderen von
bannender Gewalt ist. And dann — ich vergaß es
beinahe — dem Aoloristen ist das Draußen nichts
(Quälendes, für ihn hat es keinen Stachel — eine
graue Aatze auf grüner Seide, einige getrocknete
Gräser und eine Pfauenfeder, im Glasgemälde ein
voller, reiner Akkord genügen ihm, ja machen ihn
unsäglich reich.

pans Makart hat in den letzten Jahren seines
Lebens davon geschwärmt, wie reizvoll es sein müsse,

— —

Kunst und Handwerk. 54?. Jahrg. Heft 9.

35
loading ...