Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

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Der Kunstsalon kseinemaim in München.

beachtenswert. Schade, daß keine modernen Medaillen
und Plaketten zum vergleich daneben ausgelegt
waren! Aber das hätte freilich den kunsthistorischen
Rahmen der Ausstellung überschritten. Als Ver-
fertiger dieser Münzen und Medaillen finden wir
den leipziger Goldschmied und „Glockengießer" Paris
Reichart d. Ä., den Erfurter „Schlosser" und Stempel-
schneider Nik. Seeländer und die Nürnberger Stempel-
schneider pans Urug und pans Uraft verzeichnet.
Die Arbeiten der beiden letzten, sämtlich Bildnisse
des Uurfürsten Friedrich des Meisen von Sachsen,
erregten unser besonderes Interesse, weil sie nach
Steinmodcllen von Lukas Uran ach angefertigt sind.
Sie stammen aus den Jahren f507—22 und geben
somit einen Einblick in die rege, vielseitige Tätigkeit
des sächsischen Hofmalers.

Einen größeren Raum nahmen auch die Sticke-
reien ein. Pier fielen besonders einige pracht-
volle Exemplare aus dem Erfurter Dommuseum
auf. Die sog. Elisabethkasel mit legendarischen Dar-
stellungen und ein Wandbehang mit gestickten stili-
sierten Menschen- und Tierfiguren, beide aus dem
fZ. Jahrhundert, sowie ein Teppich mit gestickten
Darstellungen aus Tristan und Isolde, Anfang des
Iahrhunders, ferner aus dem Museum zu Gotha
ein Altarvorhang mit Applikationsstickerei, Seide aus
Tuch, {5. Jahrhundert; aus dem Domkapitel zu
Naumburg ein Gobelinbildnis des Bischofs Vinzenz
von Schleinitz, Mollteppich, belgische Arbeit, ähnlich
den älteren Geautener Teppichen von aus dem

Fürst Mttomuseum des Schlosses Mernigerode der
sog. Pfauenteppich, eine vielleicht italienische Arbeit
von der Wende des \5. Jahrhunderts und der sog.
Magdalenenteppich; schließlich aus der Uirche zu
Römhild ein prächtiger Altarbehang aus Purpur-
samt mit zwölf ausgenähten, in starkem Relief ge-
stickten peiligengestalten, welche in der Zeichnung
der Art Uranachs nahestehen.

Als ein hervorragendes Merk der Elfen bein-
plastik muß der Einbanddeckel des plenars der
Abtissinen des Ulosters Gandersheim (Uoburg, Veste)
bezeichnet werden. Die Mitte stellt in Elsenbeinrelief
die pimmelsahrt Thristi vor. Die Arbeit stammt
aus dem st. oder jO. Jahrhundert. Die Einfassung
bildet eine reiche Bronzeornamentik von J555.

Menden wir uns zum Schluffe noch zu den
polzarbeiten, bzw. Möbeln, so war auch hier,
obwohl in wesentlich beschränkterer Auswahl, man-
ches, was das Auge des Renners entzücken mußte;
so besonders ein Eichenschrank, )[5. Jahrhundert,
aus der Sylvestrikirche zu Wernigerode mit famosem
Schnitzwerk und jenem massiven Spangenbeschlag,
wie er neuerdings wieder im englischen Uunst-

gewerbe, der gotisierenden Morrisschule, aufgetaucht
ist. Ferner verschiedene mittelalterliche Truhen und
polzkästen, unter denen namentlich ein rein roma-
nischer, in Form eines Löwen geschnitzter (Schwarz-
burg, fürstl. Schloß) als ein hoch originelles Stück
den Blick fesselte.

Die Ausstellung, mit welcher gleichzeitig die
vierte Tagung für Denkmalspflege verbunden war,
bot somit auch auf kunstgewerblichem Gebiete eine
Fülle des Interessanten und Wertvollen und trug,
wie herzlich zu hoffen wäre, auch hierin dazu bei,
die Liebe und Achtung für gute alte deutsche Aunst
und Uunstsertigkeit zu wecken und zu neuen Taten
anzufeuern. Dürer sprach einmal den Wunsch aus,
die Werke künftiger Uünstler sehen zu wollen, um
seine eigene Unvollkommenheit daran prüfen zu
können. Möchten unsere Uünstler von heute sich
manchmal die Frage vorlegen, wie sie unter den
Augen des Altmeisters bestehen würden!

(Der (Kunfffafon Hemeinann
in (München.

u Zeiten, da die Uunst eine wirklich lebende
war, d. h. wo alle Lebensverhältnisse
mit ihr in Berührung, unter ihrein Ein-
flüsse standen, kannte man Uunstaus-
stellungen in Europa ebensowenig wie
man sie in Japan kennt, das heute noch eine tat-
sächlich lebende Uunst hat. Überall machte sich die
künstlerische Gesamtwirkung im paus, im Palast,
auf dem öffentlichen Platze, in der Uirche usw. geltend.
Mo allenfalls fürstliche Uunstkammern, deren Be-
stand übrigens nicht sehr weit zurückreicht, vorhanden
waren, da trugen sie eine durchaus andere Physio-
gnomie als die Sammlungen, vor allem als die
Uunstausstellung der Gegenwart. Die letztere ist ein
neues Wesen, pat auch schon vor hundert und
einigen Jahren, wenn ich recht berichtet bin, in
München eine Uunstausstellung stattgefunden, so darf
mit diesem Worte nicht im entferntesten der Begriff
einer modernen Unternehmung dieser Art verbunden
werden. Die nach Tausenden von Nummern zäh-
lende Ansammlung künstlerischer Arbeiten ist ein
Produkt der modernen Verkehrsverhältnisse, die For-
derung dagegen, die Uunstausstellung selbst als Ganzes
zum Range eines Uunstwerkes zu erheben, ist ganz
neuen Ursprunges. Vielleicht ist sie eines der Zeichen,
daß mit manchem, was, obwohl durchaus unkünst-
lerisch, dennoch überall sich vordrängt, allinählich
gebrochen wird, und daß wenigstens ein Teil der
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