Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

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Die dekorative Ausgestaltung unserer Museen.

immer weiter auszubilden. Wir glauben, von ihm
noch viel Erfreuliches erwarten zu dürfen auf dem
Gebiete der Edelglasbereitung, auf dein sich Deutsch-
land bisher noch wenig hervorgetan hat, trotz des
großen Aufschwungs auf allen anderen Gebieten des
Kunstgewerbes. B.-J.

(Die dekorative

Aubgestaktunz unserer Museen.

(Von Trnsi Kchur.

i.

ie Kunstgeschichte sammelte und
sammelt alles Ringen der Völker
(die ein bestimmter uns irgend-
wie verwandter geistiger Horizont
einte), soweit es sich tu künstleri-
schen Werken als in Offenbarungen
ihres Selbst niederschlug und niederschlägt. Die
Schätze aller dieser Zeiten und Völker wurden und
werden verglichen; werden rubiziert, katalogisiert.
Ein fester Boden wird gesucht, auf den man zu-
steuern möchte. Das Bestehende wird als Basis an-
genommen.

Es ersteht so eine Art Kodex, ein Vademekum
mehr oder weniger feststehender Begriffe, mit denen
die Wissenschaft als mit festen Punkten rechnet, eine
Sammlung unverrückbarer Grundregeln. (Niemand
kann sich ganz von diesen Klammer» los machen. And
gerade der ungeschriebene Kodex — dieses feste Ge-
rippe von Namen und Etiketts — bindet am meisten.
Wan ist sich dessen nicht bewußt.)

Die höchsten Werke, in Museen gesammelt und
geordnet, geben eine Art Richtschnur. Aber die Völker
hin wurde eine Geschichte dieser Theorien ins Blaue
hineingeschrieben. Kunstgeschichte — nach begrifflich-
ästhetischen Theorien vom Abstrakt-Schönen. (Auch
da, wo diese Manie nicht so kraß auftritt, ist sie vor-
handen. Zeder, der mehr als Liebhaber sein will,
der, ohne sich durch eine wirklich innere Beziehung
zu diesen Dingen geführt zu wissen, an eine Wissen-
schaft, hier im letzten Sinne, glaubt — als Station,
als Leiterin zuzeiten bleibt sie Kuttel und willkom-
men —, legt in sich den Grund zu dieser Entartung.)

Infolgedessen, verleitet durch diese Ansichten,
entstand die Begier — und entsteht noch — in
den Zentren jedes Landes und Ländchens, soviel wie
möglich, und wie es irgend die Mittel zulassen, Werke
von diesem bleibenden, vorbildlichen Wert auszustapeln.
Jedes Volk und Völkchen folgte dieser Tradition und
wollte diese Werke nach Möglichkeit für sich haben.

pervorgewachsen aus der Sammelwut des ein-
zelnen — des kunstsinnigen Fürsten —, zu einer Zeit,
wo dieser noch Gelegenheit fand, seinen Geschmack
so zu betätigen, wo sich naturgemäß nieist seine Vor-
liebe nur auf eine bestimmte Epoche richtete, die er
bevorzugte, die er nachahmte, da sie ihm auch zeitlich
nahelag und nicht weit über örtliche Beziehungen
hinausging, wuchs dies Bestreben sich zu einer uni-
versalen Zusammenfassung, die alles (bis zu einer
gewissen Grenze) Geleistete umschloß. Europa wurde
zu eng. Andere Völker, deren Kultur Ähnliches bot,
traten hinzu. Aus dieser Tradition erwuchs fort-
bildend, ohne daß man sich dessen bewußt blieb, die
Verpflichtung. Sie wurde als bindend aner-
kannt und übernommen. Immer Neues trat hinzu.
Der Kreis erweiterte sich immer inehr.

Ein verführerisches Programm begann nun zu
schillern. DieErziehung zu einer erträumten
Kultur! Dies galt es durchzusetzen. Aus der eige-
nen , natürlichen Entwicklung wurde ein Streben,
ein Sammeln, ein Aberlegen, ein Auswählen des
Besten. (Wobei die Gedankenkette immer sehr kurz
blieb. Denn hätte man hier zu Ende gedacht-!)

So sehen wir in jedem Lande, das auf Kultur-
Anspruch macht, diese Bruchstücke fremder Entwick-
lungen. Wir staunen sie an. Mit Recht. Sie sind
oft wunderbar verführerisch. Aberall ein mit allen
Kosten reichhaltigst ausgestattetes, mit allen Kräften
des Geistes und allen Mühen des Körpers zusammen-
geholtes und sortiertes Lager, ein immer wieder ver-
vollständigtes Arsenal. Wir gleiten hin im Geiste
über all diese Höhepunkte. Jedes Land konzentriert
sich hier in seinen Werken. Eine Stunde — und
wir durchleben Jahrtausende. Aberall vollstes Leben.
Wir vergessen es. Wir gewöhnen uns daran. Wir
entnehmen Maßstäbe.

Schon hier kommt öfter ein Gedanke, ein Zweifel:
Sollte das das Richtige fein? Tun wir recht, diese
furchtbar konzentrierte Fülle hier aufzustapeln? Sind
wir fähig, dies immer zu ertragen? Wenn nicht,
stumpfen wir nicht ab und morden uns selbst? And
zu wessen Vorteil?

II.

Wir gehen durch die Sammlungen, durch die
Säle unserer Museen. Jeder Saal, jede Ecke eines
Saales, ja jedes einzelne Stück ein Mittelpunkt langen
und konzentrierten Lebens, das uns ganz fremd ist
oder fremd sein sollte.

Alle diese Gemälde z. B., zu deren pervor-
bringung Generationen nötig waren und ein fest und
tief wurzelndes Leben Voraussetzung war, nun hängen
sie nebeneinander Stück für Stück, pängen an den
Wänden, gänzlich herausgerissen aus dem Leben,
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