Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

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35(. Massauer Brunnenwettbewerb.) Modell von Ulfert Iaussen, Architektur von Paul Thiersch.

der wirkt. Gr.)

(Neue (KrunnenwetLKewerKe.

S ist ein erfreuliches Zeichen in
unserem modernen Aunstleben,
daß nunmehr in kurzer Zeit
hintereinander ungefähr sechs
Wettbewerbe um Brunnendenk-
male zunr Austrag gekommen
find. Um fo erfreulicher, als
sich darin durch Zuwendung von öffentlichen und
privaten Mitteln ein allgemeines reges Zntereffe für
diese Bestrebungen kundgibt. Die Plastik findet auf
diese weise wieder Gelegenheit, aus der Enge und
Beschränktheit des Ateliers, wo sie sich bisher in
einzelnen abgelebten Werkformen bewegte, hinaus
ins Freie zu treten und raumgestaltend und schmückend
in unserer unmittelbaren Umgebung aufzutreten, so-
bald sie aber als Statue, Büste u. dgl. allein aus einer
enger begrenzten Umgebung herausgehoben und ins
Freie gestellt wird, fehlt ihr sozusagen der Boden
unter den Füßen. Unsere öffentliche Denkmalspflege
weist ja deutlich auf diesen Mißstand. Die Plastik
bedarf eines Anschlusses an die reale Umgebung und
diesen bietet vor allem die Architektur. Sie gestaltet die
Situation, schafft den Raum, in dein sie leben und
wirken kann. Wir sehen dies in der ganzen älteren
deutschen Aunst, in der ja gerade die Plastik eine
bei weitem mannigfaltigere Entwicklung aufweist als
heute, fast ausschließlich iin Zusammenhänge mit
der Architektur, besonders in den prächtigen alten
Brunnen. Bon allen Aufgaben bieten gerade
Brunnenanlagen die beste Gelegenheit für ein ge-
deihliches Zusammenwirken beider Aünste, indem sie
den mannigfaltigen Bedürfnissen des Lebens künst-
lerischen Ausdruck verleihen. Der Bildhauer sollte

danach streben, sich mehr Sinn und Verständnis für
Maß und Verhältnisse, überhaupt für die Gesetze des
tektonischen Aufbaues anzueignen, und der Architekt,
inehr im Sinne des Bildhauers plastisch zu empfin-
den. Die neueren Wettbewerbe zeigen, daß die mo-
dernen Bestrebungen daraus Hinzielen.

Von den beiden jüngsten Wettbewerben, deren
Resultate wir hier besprechen, weist besonders das
Projekt eines Monumentalbrunnens für den Residenz-
platz in Pass au in erster Linie auf das Problem der
räumlichen Gestaltung. Ulan darf nur die Ansicht
des länglichen, ungleichmäßigen und abschüssig ge-
legenen Platzes betrachten, um zu erkennen, daß es
hier vor allem auf die Entwicklung und Ausgestal-
tung der Situation ankommt (vgl. Abb. 353—355).
Es war sicherlich keine leichte Aufgabe, für die Auf-
stellung den günstigen Platz zu finden, den Brunnen
so in den Raum hineinzustellen, daß er für sich
wirkt und sich zugleich der Umgebung angliedert. Der
Acrnpunkt liegt in der vorteilhaften Disposition des

Lageplan für Ianffen-Tlsierschs Brunnen. Maßstab j : (ooo.

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Aunst und Handwerk. 5^. Zabrg. Heft 7.

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