Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

Page: 309
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Kleine Nachrichten.

(Kfetne Nachrichten.

(Vereine, Museen, Schuten, -Nussiettungen,
MekkKewerKe ^rc.

^>ie Ausstellung der Münchener Runstgewerbe-

schule. Nach zweijähriger Pause hat die Mün-
chener Aunstgewerbeschule Heuer wieder eine Aus-
stellung der Arbeiten ihrer Schüler und Schülerinnen
veranstaltet und, uin es gleich zu sagen, danrit einen
durchschlagenden Erfolg erzielt. Zeder, der dieselbe
besuchte, wird den Eindruck empfangen haben, daß
hier nicht entfernt von eitlem Beharren auf alt-
gewohntem Geleise gesprochen werden kann, sondern
daß unermüdliches Vorwärtsstreben, frisches Erfassen
der Gegenwart, impulsive künstlerische Tatkraft und
zielbewußtes Hand-in-pand geheil von Theorie lind
Praxis die führenden Geister bilden.

Bei der überreichen Fülle, welche die in beideil [
Schulabteilungen — Luisenstraße 37 und Richard
Wagnerstraße sO — inszenierte Ausstellung zur An-
schauung brachte, möge es dem Berichterstatter zu-
gestanden werden, statt zahlloser Einzelheiten nur
Gesamtergebnisse gebührend hervorzuheben.

So sei zunächst gesagt, daß, wohin auch der !
Beschauer sich wandte, stets nicht nur Gutes und
Lobenswertes, sondern in erfreulicher Menge geradezu
Vorzügliches anzutreffen war, uiid zwar sowohl in
der männlichen wie auch in der weiblichen Ab-
teilung.

Bcsoilders erfreulich ist die Tatsache, daß man
dem gerechtfertigten Verlangen unserer Zeit, eine
neue, denl moderneil Geiste entsprechende, künstlerische
Fornlensprache zu schaffen, mit vollem Verständnis,
dabei maßvoll, wie es denl Tharakter der Schule
entspricht, entgegengekomnlcn ist, ohne die Schätze
von Formenschönheit zu ignorieren, welche vergangene
Aulturepochen uns als Erbe hinterlassen haben.

Man erkannte es deutlich, wie die Schüler und
Schülerinnen an sicherer pand vom strengen Studium
der theoretischen Grundlagen und der Formensprache
früherer Stilentwicklungen aus allmählich inehr uild
mehr zur freien Entfaltung künstlerischen Schaffens
geführt wurden. Dadurch wurde es erreicht, daß
nicht graue Theorie und toter Formelkram, sondern
frisch pulsierendes Leben uild frohgemutes künstlerisches
Wollen uild Rönnen das Charakteristikum der er-
zielten Arbeitsresultate siild.

Alle Fachklassen haben, wie bereits erwähnt,
neben der Pflege der anerkannt guten alten Run st
auch die Geschmacksrichtungen der Gegenwart zu
ihrem Rechte kommen lassen, freilich nicht im Sinne j
rücksichtslosen pinwegschreilens über die Forderungen !

57 l—578. Sorten von Jean Aro 1 d, Nürnberg.
(Vs der wirk!. Gr.) Must, gesch.

des Zweckes, des Materials uild der Techilik. Man
hat vielmehr mit vollem Recht die modernen Ge-
staltungsgedanken in strenge Zucht genommen und
durch straffe Zügclführuilg an den sollst so häufigen
Ausschreitungeil gehiildert.

Naturgemäß äußerte sich diese Zurückhaltung
anl meisten im Bereiche der Architektur, der Möbel
und des Gerätes, währeild sie bei dem einer freieren
Gestaltung zugänglichen Flachornament jeder Art

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