Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

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Das Aunstgewerbe auf der kunsthistorischen Ausstellung zu Erfurt.

zu Palle ein. Das Werk wird vielfach inehr als
technisches Aunststück, wie als wirkliches Aunstwerk
eingeschätzt, m. <£. mit Unrecht. Wirkliche Schönheit
läßt sich ihm nicht absprechen, wenn auch die vir-
tuosenhafte Behandlung des Materials am meisten
frappiert. Das Stück ist von Christof Anittel [\<ä\2
bis s672), einem hallensischen Goldschmied, verfertigt
und trägt die Jahreszahl j65^. (Für die Dauer
der Ausstellung mußte die ansehnliche Versicherungs-
summe von 75000 M. garantiert werden.) Es darf
gleichsam als eines der letzten Prachtstücke der deutschen
Renaissance angesehen werden. Obwohl in den Ver-
hältnissen schön, ist dennoch die farbige Schönheit be-
reits vor der formalen entscheidend. An dein schwer-
goldenen Aelch sind dreierlei Emailletechniken ange-
wandt: der Grubenschmelz, Reliesschmelz (translucide)
und limosiner Schmelz. Die zeitgemäßen Motive,
Medaillons mit den Leidenswerkzeugen Christi, um-
geben von Blätter- und Blumenranken an der Cuppa
und Fruchtbündel am Fuß, überraschen durch ihre
trotz den: kleinen Maßstabe entzückend feine Aus-
führung. Cs ist eine minutiöse Arbeit, in die man
sich versenken nruß, um sie ganz zu genießen; den-
noch gewährt sie auch auf den ersten Anblick Freude
durch die überaus frische und harmonische Farben-
wirkung. Cin anderes famoses Stück war ein Aelch
aus der Pfarrkirche zu Stockhausen bei Sondershausen,
aus dein Jahrhundert stammend, Silber vergoldet,
am Fuße mit figürlichen Darstellungen in translucider
Emaille geschmückt. Die älteste Cmaillekunst war
durch zwei romanische Leuchter (Eisenach, Museum),
Aupser mit Grubenschmelz und teilweiser Feuer-
vergoldung, {3. Jahrhundert, und ein romanisches
Gefäß, Aupfer mit Grubenschmelz, \2. Jahrhundert
(Gardelegen, Magistrat), vertreten.

Cinen besonderen Anziehungspunkt bildete der
berühmte Bronzehängeleuchter des Erfurter
Domnmfeums aus dem p. Jahrhundert, der, mit alt-
testamentarischen Reliefdarstellungen reich geschmückt,
als ein seltenes Meisterwerk seiner Epoche gelten darf.

Unter den Goldschmied- und Silberarbeiten des
\6., \7. und f8. Jahrhunderts fiel noch besonders
ein spätgotischer Aelch von \655 (Erfurt, Dom),
Silber vergoldet, reich mit perlen und Steinen ge-
schmückt, auf. Ferner verschiedene Abendmahlskanuen
von Erasmus Wagner aus Erfurter Airchenbesitz;
aus der Mrichskirche zu Palle eine postienbüchfe
von 1580, Silber vergoldet; aus der katholischen
Airche zu puysburg ein Aelch von 1735, Silber ver-
goldet, mit Edelsteinen und Emaillebildern, Augs-
burger Arbeit; aus der Airche zu Mühlhausen i. Th.
ein goldener Becher mit Edelsteinen und aufgelegten
Arabesken in schwarzer und weißer Emaille. Aost-

272. Titelblatt zu einem kfaushaltuugsbuch.

bare Aelche aus dem und \5. Jahrhundert hatte
auch das städtische Museum zu Nordhausen gesandt.

Eine wichtige Abteilung bildete ferner die
Medaillenkollektion aus dem perzogl. Münz-
kabiitett zu Gotha; bei dein in jüngster Zeit wie-
der auslebenden Interesse an dieser Aunst doppelt
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