Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

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Einiges über die Bedeutung von Größenvorstelluugeu in der Architektur.

378. (Lichstätter Brunneuwettbewerb.) Modell von Aindler;
3. Preis. ('/„ der wirkt. Gr.)

in seiner Sprache gesagt hat. Es ist deshalb eine
oberflächliche, rein formale Einteilung, wenn man
die architektonischen Leistungen, das künstlerisch Gute
an einem Bau vom Etil ableiten will, in ihin die
Erklärung sucht. Das Schaffen in Verhältnissen, die
innere Formkonsequenz, das Schalten und Malten
mit Gegensätzen, Richtungen :c, ist ein künstlerischer
Vorgang und Inhalt, welcher unabhängig vom Etil
zu betrachten ist und in der Pauptsache schon voll-
ständig feste Gestalt annehmen kann, ohne überhaupt
noch in eine bestimmte Etilart ausgelaufen zu fein
oder überhaupt auszulaufen. Das, was bei einem
Bau noch in: palbdunkel als große Blaffe und in
großen Gegensätzen, z. B. als geschloffene Mand
gegen eine knalle noch wirkt, also das Hauptmotiv
in seinen Verhältnissen, bildet den Aern der architektoni-
schen Leistung und ist als solcher genießbar, ohne daß
wir erkennen, in welcher Etilart sich der Bau aus-
drückt. Das Gute oder Schlechte entsteht also nicht
aus der Etilart, sondern hängt von Dingen ab,
welche viel allgemeinerer Natur sind. Der Aünstler
und der Philologe stehen in der Architektur ebenso
weit voneinander wie in der Dichtkunst, und die
Architektur vom Standpunkte der Etilfrage ansehen
und erklären wollen, heißt Grammatik treiben und
Philologe sein. Daß bei der architektonischen Er-
ziehung heute immer noch der Philologe das Szepter
führt, braucht nicht weiter ausgeführt zu werden,
Inl selben Mißverständnis befindet inan sich aber,
wenn man den Segen von einem neuen Etil erwartet

und sich bemüht, ein Volapük zu erfinden. Als brauchte
man eine neue Sprache, um etwas Neues zu sagen.

Die Maßstabsveränderungen haben wir im
obigen im pinblick eines bestimmten Einflusses auf
unsere Phantasie betrachtet, gewissermaßen im Dienste
der Romantik. Mir haben dabei erkannt, daß das
Festhalten einer Gegenstandsvorstellung und ihr Nber-
tragen in einen anderen Maßstab als den ihr
natürlichen, die Phantasie aus der realen Vorstellungs-
welt in eine fiktive hinüberziehen kann. Es werden
aber auch Maßstabsverschiebungen, insoferne diese
durch Gegenstandsvorstellungen angeregt werden, zu
dem Zwecke benutzt, etwas größer oder kleiner aus-
sehen zu machen als es faktisch ist finden: sie ver-
größert oder verkleinert zur Darstellung kommen).
Pier wird denn also die Gegcnstandsvorstellung nicht
in dem Sinne benutzt, um ihre Bedeutung, ihren
pnhalt auch in dem anderen Maßstabe festzuhalten
und der Phantasie zu übermitteln wie dein: ver-
kleinerten Turm, sondern nur, um die mit ihr ver-
bundene Größenvorstellung zu verwerten und damit

37Y. (Eichstättcr Brunnenwettbewerb.) Modell von Mar
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