Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

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Zur Frage der Errichtung von Lehrwerkstätten.

einen neuen Stil" zu schaffen sich vermißt, gegen
den furchtsame und Nichtskönner eine entsetzliche
Abneigung haben, als ob es beim Durchbruch neuer
Zdeen auf solches Beiwerk ankäme. Die Zwecke
und Endziele der mit Naturnotwendigkeit geborenen
Reaktion gegen das ewige bloße Kopieren und seine
verderblichen Konsequenzen liegen ganz wo anders
als in dem bißchen Schmuckwerk, das mehr und
mehr zurücktreten wird gegenüber den mächtigen
Forderungen, die sich in den Begriffen: \. Entwick-
lung der Sache nach ihrem Zwecke, 2. Verständnis
für den Stoff, also Entwicklung von innen nach
außen statt wie bisher in umgekehrter Richtung, und,
wo es sich uin die Beobachtung eines der wichtigsten
Faktoren der heutigen Lebensführung handelt, 3. Hy-
giene zufammenfaffen lassen. Zn manchen Be-
ziehungen stehen wir heute den „Eliten" vielleicht
weit näher, als es in der Periode des Kopierens
der äußeren form geschah; denn nicht diese dient als
ausschlaggebende Grundlage, sondern der Gedanke,
welchem sie entsprang. Zn der klaren Auffassung
dieses Umstandes kündet sich das Nahen einer neuen
Kultur an, die sich aus den Zeitverhältnissen ent-
wickelt, nicht aber aus der Anlehnung an die Außer-
lichkeiten dessen, was einst war.

Dem Überfluß an formalen Elementen, womit
die Zeit der „Wiedererweckung" uns überschüttet hat,
folgt mit Notwendigkeit eine andere, mit mäßigeren
Mitteln arbeitende. Noch ist es nicht gar lange her,
daß man versucht hat, das moderne Geschütz, das
gerade in seiner leichten, jedes überflüssigen Beiwerks
baren form charakteristisch erscheint, durch orna-
mentale Anhängsel zu etwas zu machen, das mit
dem eigentlichen Ausdrucke des Objekten nichts ge-
mein hat, daß man aus Eisenbahnwagen ornamen-
tierte Gebilde schaffen und Nähmaschinen als kunst-
gewerbliche Gegenstände behandeln wollte, daß man
ferner unsere modernen Ofenkonstruktionen, statt sie
möglichst glatt und gerade dadurch schmuck zu
halten, mit Ornamenten versah und womöglich aus
irgend einem Klappverschluß der Trompeter von
Säckingen mit seiner Geliebten, oder faust und Mar-
gareta zu sehen waren! Liegt darin nicht ein voll-
kommenes Verkennen des Materials und seines
Zweckes! Ebenso schlimm wie die noch heute in
vollstem flor stehende fabrikation solcher Ungeheuer-
lichkeiten ist der Umstand, daß dieselben auch immer
noch ihre Abnehmer finden. U)ie wenige haben es
erkennen gelernt, welcher Reiz in der knappen Be-
handlung des Materials liegt, wie sie z. B. an Ma-
schinen aller Art sich kundgibt; wie wenige verstehen
es, daß die Einfachheit der Umgebung, in zweckdien-
licher Weise behandelt, weit anregender ist als die

Häufung billiger Schmuckwaren aller Art! Gehen
Sie einmal, meine Herren, durch die „Prachträume"
großstädtischer Mietwohnungen und sehen Sie zu,
wieviel künstlerisch Brauchbares unter tausend fällen
Sie antreffen! Türen und Türlage, Fenster und
deren Verteilung wie form, Plafonds, Tapeten,
Ofen, alles, alles wetteifert darum, den einfachsten
Anschauungen des guten Geschmacks zuwiderzu-
laufen. Überall stoßen Sie aus die Beweise einer
tatsächlichen Geschmacksverwilderung! Und lenkt
man feine Schritte aus dem Weichbild der Städte
hinaus in die „Villenkolonien", welcher Unsumme
von abstoßenden Dingen begegnet man erst da -
angefangen von der Trassierung der Straßen, fort-
gesetzt bis in die intimen familienräuine. Aber —
die baupolizeilichen Vorschriften sind eingehalten, und
das ist die Hauptsache. Außerdem verlangt das
Publikum meist aus sehr naheliegenden Gründen
nicht nach höheren Gesichtspunkten Entwickeltes,
mithin genügt die schlechte Durchschnittsleistung voll-
ständig.

Arbeiten nun unsere Aunst-, unsere Baugewerk-
und die höheren Schulen mit vollem Bewußsein
diesen Dingen entgegen; haben sie, deren Zweck es
sein müßte, die Erkenntnis für wirklich künstlerische
Leistung in immer weitere Kreise durch die Heran-
bildung stetig sich erneuernder Schülerscharen zu
wecken und zu fördern, diesen Zweck auch nur an-
nähernd erreicht? Zch bleibe die Antwort hierauf
vielleicht besser schuldig!

Die Erkenntnis der vorhandenen Mängel, die
sich an den mit fachleuten besetzten, nicht durch un-
fruchtbare Doktrinäre geleiteten Schulen allmählich
Bahn bricht, das unbestreitbare Faktum, daß die
Leistungen der angewandten Kunst in England wie
in Frankreich auf einen: technisch höheren Durch-
schnittsniveau sich befinden als es bei uns der Fall
ist, gerade weil dort vor allem die praktische Einsicht
als Grundlage für die künstlerische Arbeit verlangt
wird, das alles hat an einer Reihe deutscher An-
stalten zur Gründung von Lehrwerkstätten geführt.
Zhr Alter beziffert sich in den meisten Fällen nach
so wenig Zähren, daß es kaum möglich fein dürfte,
schon heute daraus Schlüffe ziehen zu wollen. Wo
diese Einrichtungen schon länger bestehen, wie z. B.
an der Schule des k. k. österr. Museuins für Kunst
und Zndustrie in Wien, an der Kunstgewerbeschule
in Straßburg und einigen andern, haben sie sich
vorzüglich bewährt. Zch erinnere daran, daß die
Spitzenindustrie, die heute in manchem hochgelegenen
Bergdorfe der österreichischen Monarchie blüht und
den Bewohnern Einnahmequellen eröffnet hat, von
dein einen Zentrum Wien aus sich verbreitet hat,
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