Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

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Allerlei Sdjnururbeiten.

6(8. Sessel (japanisch) aus Steinzeug, milchig-grau glasiert, ohne
Boden; Deckel fest, mit zwei Löchern znm Anfassen. Geschnnr
in Steinzeug aufgelegt. ('/6 der mlrkl. Gr.)

fertig da. In Hamburg und in Brünn hatte man
nie aufgehört, daran zu feilen. Auch in Ulünchen
nicht, nur konnte man fich's dort anr allerersten
leisten, dem tollen Treiben kühl lächelnd zuzuschauen.
Und nun, da die fragenden kommen, braucht es an
Antwort nicht zu fehlen.

Tine Einschränkung allerdings ist von vorn-
herein nötig, jetzt, wo man wieder anfängt, Über-
liefertes der eigenen Vergangenheit, Formenschätze
weltfremder Naturvölker zu würdigen, sie zu studieren,
uin das eigene Können zu bereichern und zu erwei-
tern. Wir müssen uns nrit denr gleichen Tifer vor
gedankenloser Nachahmung und vor Unterschätzung
des von uns selber Geleisteten hüten. Schon setzt
der Hang zur Einseitigkeit wieder ein, schon trifft
man auf Vergleiche zwischen modernen europäischen
Kulturerzeugnissen und Arbeiten wilder Völker, die
sehr zuungunsten der heimischen Leistungen aus-
fallen. Darin liegt unbedingt die Gefahr, daß alle
eindrucksfähigen, weniger selbständigen Naturen,
die sich am modernen kunstgewerblichen Schaffen be-
teiligen, nun sofort versuchen werden, im Stil der
von der Kritik hoch gepriesenen primitiven Vorbilder
zu schaffen, genau wie sie in unscrm eigenen mo-

dernen Stil mehr Nachfolger als freie Gestalter ge-
wesen sind. Die Folge würde dann lediglich die sein,
daß wir der neuen Anregungen ebenso schnell über-
drüssig werden wie der vorhergehenden. So würde
abermals eine Kraftvergeudung stattfinden und die
Unsicherheit würde größer werden als je zuvor. Zieht
man also Vorbilder aus dem Schatze des Über-
lieferten heran, so muß das Hauptgewicht darauf
gelegt werden, die Grundsätze der Technik und Ar-
beitsweise zu studieren und diese Grundsätze auf das
veränderte Werkzeug und das veränderte Arbeits-
material zu übertragen.

Es läßt sich darüber streiten, ob die Koreaner,
von deren Kunst in der Schnurarbeit unsere Abbil-
dungen zahlreiche Proben geben, noch ein Naturvolk
genannt zu werden verdienen. Ihre Kultur ist ja
von Japan beeinflußt worden, lange bevor die Ja-
paner sich ihrer siegesgewissen Rolle als berufene
Führer der gelben Raffe auf dem Welttheater bewußt
wurden. Wer indessen einmal Schilderungen eng-
lischer Forscher gelesen hat, die sich mit koreanischen
Kanalisations- und Klärungsfragen beschäftigen,
oder besser mit dem, was in Korea als Ersatz dafür
dient, wird immer geneigt bleiben, die Koreaner der
Gattung der Naturvölker einzuverleiben. Jedenfalls
sind weder Rußland noch Japan um die Zivilisie-
rungsarbeiten zu beneiden, die ihrer harren, wenn
das Kriegsglück darüber entschieden haben wird, wer
Herr über Korea bleiben wird.

Durch den Gegensatz zu einem Zustande der
Lebensbedingungen, die uns Europäern unerträglich
dünken steigert sich naturgemäß unsere Bewunderung
für die subtile Kunstfertigkeit, die aus diesen Gegen-
ständen spricht. In unbehaglichen hüttenartigen
Wohnungen mit Fensterscheiben aus Ölpapier werden
diese Arbeiten gefertigt. Dichter Rauch von frischem
Kiefernfeuer füllt Häuser und Straßen, wenn die
backofenartige Heizung unter den Häusern angezündet
ist. Dieses mancherlei Ungemach ist es vielleicht,
das die Koreaner, wie so viele von der europäischen
Weltkultur uoch nicht berührte Völker befähigt, so viel
Seele und Leben, so viel Wahrheitsbewußtsein und
zähe Ausdauer in ihre kunstgewerblichen Arbeiten
hineinzulegen.

Dafür, daß die koreanische Schnurarbeit der japa-
nischen verwandt ist, bürgt der Koro, das japanische
Räuchergesäß, das Abb. 6{7 veranschaulicht. Unter
dem Gesichtspunkte der Nkoderne bietet die Schnur-
vcrschlingung an diesem Gefäß eine ausgezeichnete
Studie für grundlegende Prinzipien des linearen Or-
naments. Bringt man jene Gesetze der „Technik"
in Anwendung, nach denen unsere Jüngsten Sehn-
sucht haben, so muß man ein wenig den großen

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