Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 7.1872

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Meyer's Allgememes Künstlerlexikon.

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legcnheit nicht entgehen lassen, ihre Sammlungen in so
ansehnlicher Weise zu bereichern.

Möchte die T. O. Weigel'sche Sammlung doch noch
in letzter Stnnde für Deutschland gerettet werden!

R. Bergau.

Meyer's Mgemeines Rünstlerlerikon.

Mit der kürzlich erfolgten Ausgabe der zehnteu
Lieferung ist der I. Band des „Allgemeinen Künstler-
lexikons" abgeschlossen. Die außerordentliche Bedeutung
dieses Unternehmens, die hohen Anforderungen, die der
Heransgeber, vr. Julius Dieyer, selbst an seine Aufgabe
gestellt hat, die großen Erwartungen, die darauf gesetzt
sind, berechtigen uns zu der Frage: wie weit entspricht
denselben dieser erste Band? Der Herausgeber sicht den
Kern sekner Aufgabe darin, die Forschungen auf dem ge-
sammtcu Kunstgebiete „zu verarbeiten und zusammenzu-
fassen — fortznführen, zu ergänzen und zu vervollständigen
— und die gewonnenen Ergebnisse nwglichst erschöpfend
in einer übersichtlichen und gedrängteu Form mitzutheileu".
Erfüllt dies wirklich der bis jetzt erschienene Theil des
Werkes? Es freut uns, die Frage unumwunden mit ja
beantworten zu können. Das sprechendste Zeugniß für
das Geleistete giebt der Artikel über Antonio Allegri von
der Hand des Herausgebers, welchem nicht nur das ein-
seitige Lob gebührt, daß wir darin die beste Monographie
über den Künstler erhalten haben, sondern der sich auch den
wenigen guten Künstlerbiographien, die wir besitzen, min-
destens ebenbürtig anreiht, und zwar sowohl in Bezug
auf vollendete Darstellungsweise, als auf ästhetische Be-
urtheilung des Künstlers, auf kritische Behandlung der
biographischen Nachrichten wie der Werke und auf er-
schöpfende Aufzählung derselben und ihrer Nachbildungen.
Durch das Fehlen jeder Arbeit über Corrcggio von irgend
welchem Belang ist es auch gerechtfertigt, wenn dieser
Artikel nicht weniger als 145 Seiten umfaßt. Der Ver-
fasser hätte sich freilich wohl um einen oder selbst um
mehrere Bogen kürzer fassen können; aber die Frische und
die Abrundung der Form hätte der Aufsatz dann theil-
weise eingebüßt.

Von dem Herausgeber rühren außerdem noch mehrere
Artikel über bedeutendere italienische Künstler her, welche
sich durch ähnliche Vorzüge auszeichnen; ich nenne uur
Baccio d'Agnolo, L. B. Alberti, die Allori, M. A.
Amerighi. Während 'der erste Band nur wenige Künstler
niederländischer Schulen enthält und auch unter diesen
nur Meister zweiten und dritten Ranges, wie die van Aelst,
Hieronymus van Aeken und Pieter Aertsen, finden wir
unter dcn deutschen Künstlern bereits verschiedene hervor-
ragende wie Aldegrever, Altdorfer, Amberger, JostAmman.
Die interessanten Artikel über diese Meister von Schmidt,
Woltman» und Wessely geben zum ersten Male eine ge-

! nügende Charakteristik derselben, die auf eine kritische
und möglichst vollständige Uebersicht ihrer Werke be-
gründet ist. Daß dennoch einzelne Bestimmungen ange-
zweifelt werden können, daß das eine oder andere Werk
eines Künstlers übersehen wurde, das sind Menschlich-
keiten, denen selbst dann nicht ganz zu entgehen ist, wenn,
wie hier, die tüchtigsten Fachkenner sich zu den einzelnen
Arbeiten vereinigen. Nur selten sind allgemein bekann-
tere Werke ausgelassen, wie z. B. bei Altdorfer die vier
schönen Bilder in der Akademie zu Siena und die reizende
Landschaft bei Hrn. Suermondt zu Aachen, oder bei H-
van Aeken ein Altarwerk in drei Tafeln zu Wörlitz, dem
dagegen irrthümlich das Berliner Bild noch als Original-
arbeit angerechnet wird. Auf Eiues möchten wir jedoch
aufmerksam machen, auf eine größere Berücksichtigung der
Handzeichnungen, znmal wenn sie von so hervorragender
Bedeutung und Eigenthümlichkeit sind, wie n. A. bei Alt-
dorfer, von welchem sich allein in deutschen Sammlungen
leicht die doppelte Zahl der im Künstlerlexikon erwähnten
Zeichnungen aufzählen ließe. Freilich ist gerade das
Studium von Handzeichnungen noch die schwächste Seite
der Kunstforschung; nur die größeren öffentlichen Samm-
lungen sind bekannt, und auch diese mehr dem Nainen
nach; sind doch manche nur oberflächlich oder ganz kritiklos
geordnet!

Ebenso wenig wie in Bezug auf die Kritik, auf die
Art der Darstellung, auf gleichmäßige Vertheilung kann
das alte Nagler'sche Werk mit dem neuen Künstler-
lexikon in Bezug anf Vollständigkeit oder auf treffende
und große Charakteristik, auf die Würdigung einer ganzen
Kunstrichtung in ihren hervorragendsten Meistern sich
vergleichen. Selbst der unbedeutendste Künstler ist aufge-
noiumen, und wenn er nur einmal bei einem Schriftsteller
erwähnt oder nur aus der Bezeichnung eines einzigen
Bildes bekannt ist. Jn letzterer Beziehung namentlich
sinv Mündler's Kenntnisse dem Werke sehr zu Statten
gekommen und werden demselben wenigstens theilweise
auch in Zukunft nicht entgehen, da eine Fülle von Notizen
des unvergeßlichen Forschers in die Hand des Herans-
gebers übergegangen sind.

Neber zwei Punkte giebt Meyer besondere Nechen-
schaft in dem Vorworte zum ersten Bande, da sie in
der That leicht zu Mißverständnissen führen können: über
den Umfang des ersten Bandes, der nur bis Andreani
geht, und über die Dauer seines Erscheinens, worüber
mehr als zwei Iahre hingegangen sind. Für den ersteren
Punkt sührt er mit Recht an, daß der Buchstabe A eine
ganz außergewöhnlich große Zahl von Küustlern umfaßt;
der zweite Umstand erklärt sich hinreichend aus den um-
fassenden Vorarbeiten, aus der Organisation dcr Arbeit,
die in der Weise, wie sie durchgeführt ist, überhaupt nur
beiMeyer's Geschick und Ausdauer gelingen konnte. Wir
dürfen daher erwarten, daß das Werk den projektirlcn
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