Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

Page: 17_18
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1873/0014
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Nr. 2.

VIII. Jahrgang.

Sciträge

sind an vr. C. v. Lirtzow
(Mi-n, Theresianumg.
ss) od. an die Vcrlagsli.
(Leipsig, KönigSstr. S>
zu richten.

25. Oktober

Instrate

L 2s.2 Sgr. für die drei
Mal gespaltene Petit-
zeile werden von jeder
Buch- und Kunsthand-
lung angenomnien.

I!I72.

Beiblatt zur Zcitschrist snr bildeude Kunst.

Dies Blatt, jede Woche am Freitag erscheinend, erhalten die Abonnenten der ,,Zeitschrift für bildende Kunst" sratis; für sich allein bezogen
kostet der Jahrgang 3 Thlr. sowohl im Buchhandel wie auch bei den deutschen und österreichischen Postanstalten.

Jnhalt: Der Salon von 1872. I. — Friedrich Eggers -f (Schluß). — Jak. Alt -f. — Ein Seminar für Zeichenlehrer. — Ausgrabungen auf dem
römischen Forum. — Wiener Akademie. — Vom Louvre. — Düsseldorfer Ausstellungen. — Negnault-Denkmal. — I. B. van der Meiren;
Porcellis. — Photographien des Darmstädter Museums. — Neuigkeiten des Buch- und Kunsthandels. — Zeitschriften. — Jnserate.

Der Salon von 1872.^')

i.

Paris, im Juli 1872.

Es läßt sich mcht läugnen, daß man in Frankreich
sich die Unterstützung der bildenden Kunst und die
Ermuthigung der Künstler von Staatswegen stets an-
gelegen sein ließ und in dieser Beziehung von allen
modernen Staaten vielleicht das Meiste gethan hat. Die
Folgen blieben nicht aus. Es hat sich eine tüchtige Schnle
gebildet, aus welcher KLnstler erstcn Ranges hervor-
gegangen sind, es wurde ein lebhaftes Jnteresse für die
Kunst erweckt, welches gegenwärtig alle Schichten der
französischen Gesellschaft durchdringt, es hat sich ein äußerst
reger Kunsthandel entwickelt, es steigerte sich die Werth-
schätzung der wahrhaft tüchtigen Künstler, und es steigerte
sich deren materieller Verdienst. Wir können fast alles
dies hcute zwar auch von Deutschland sageu, aber wir
müssen gestehen, daß der erste Anstoß dazu aus Frank-
reich gekommen ist.

Eine andere, weniger günstige Folge der staatlichen
Fürsorge ist die, daß Frankreich gegenwärtig ein Heer
von Malern, besser gesagt, geschickten Bildermachern besitzt,
welche bemüht sind, dem Geschmack der bestehenden Mode,
der jeweiligen Stimmung des Pnblikums zu entsprechen,
und welche durch bizarrc Motive oder durch eine noch nie
dagewesene Malweise ihren Werken den Stempel der
Genialität aufzudrllcken suchen. Jn den Ausstellungen
der Kunsthändler gehören drei Viertheile der Bilder den
Malern dieser Kategorie an. Die letzteren stehen sich
ganz gut dabei, denn die Nachfrage nach Gemälden ist
groß; und da bei dem jährlichen Medaillenregen es nicht

*) Man vergl. die Notiz in Nr. 24 des vorigen Jahr-
gangs der „Kunst-Lhronik."

fehlen kann, daß fast auf jeden dieser Maler einmal
ein Trvpfen abfällt, so halten sich die Dekorirten sx
oklioio für große Künstler, und das Publikum ist immer
geneigt, diese Meinung zu theilen.

Es ist unverkennbar, daß trotz der jährlichen großen
Ausstellungen und trotz des außerordentlichen allgemeinen
Jnteresses für dieselben das Verständniß sür Kunst im
größten Theile des Publikums ein sehr mangelhaftes ge-
blieben ist; die unglaubliche Masse von Falsisikaten,
schlechten Kopien und wahrem Schund, welche hier dem
Publikum für theures Geld angehängt wird, geben Zeug-
niß davon. Ein gut Theil der Schuld daran trägt die
hiesige Journalistik, welche anstatt vernünftige Kritik zu
üben, über jedes Bild ellenlange Phrasen macht und
hundert Dinge hineinlegt, an welche der Künstler uie ge-
dacht hat.

Die jährliche große ofsizielle Ausstellung bildet eine
der bedeutendsten Maßnahmen, welche die Regierung zu
Gunsten der bildenden Kunst und der Künstler eingerichtet
hat, und sie ist mit der Zeit für die Pariser zum unent-
behrlichen Bedürfuiß geworden. Die fashionable Welt
kann sich dcn Mai ebcnsowenig ohne „Salon" denken
wie den Winter ohne Bälle, den Frühling ohne Wett-
rennen, den Sommer ohne Landaufenthalt und den Herbst
ohne Seebad; aber auch die unteren Klassen — wenn man
unter der Aera der „Fratcrnits" und „Egalit6" von
solchen sprechen darf — lassen sich den Besuch der Aus-
stellung nicht entgehen; der Soldat, das Marktweib, der
Blvusenmann, der Krämer mit Weib und Kindern, alle
strömen an den Gratistagen in den Salon und überzeugen
sich von den Fortschritten der vaterländischen Kunst. Die
Eröffnung des Salon ist stets ein mit Ungeduld erwar-
tetes Ereigniß, die Werke desselben bilden durch zwei bis
loading ...